• Kino & Stream
  • Im Kino: „Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel“

Kino & Stream

Im Kino: „Kohlhaas oder Die Verhältnismäßigkeit der Mittel“

Kohlhaas oder Die Verhältnismässigkeit der Mittel

Der eine Stoff ist ganz großes Kino: ein aufrechter Held, der Opfer staatlicher Willkür wird. Seine wunderschöne Frau, die vermitteln will und dafür mit dem Leben bezahlt. Ein blutiger Rachefeldzug. Der andere Stoff ist gut abgehangene Komödie und Alltag am unteren Ende des nichtkommerziellen Filmschaffens: Ehrgeiziges Projekt eines Jungregisseurs geht mit Pauken und Trompeten unter. Beide zusammen sind der absolut schlüssige Plot eines großartigen Abschlussfilms der HFF Babelsberg: „Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“.
Schon in die motivierende Dankesrede des Regisseurs nach dem ersten Drehtag platzt die Nachricht, dass die Finanzierung zusammengebrochen, die Förderung gestrichen, der Produzent ausgestiegen ist. Daraufhin verlassen einige Mitwirkende das Projekt, und der Rest hangelt sich murrend und improvisierend von Drehtag zu Drehtag. Ein bayerisches Dorf inklusive Bürgermeister, Wirt und Freiwilliger Feuerwehr wird zum Ersatzproduzenten und hilft weiter, wenn auch nicht immer in die vorgesehene Richtung. Denn der fiktive Regisseur, der fast zu offensichtlich wie der tatsächliche Regisseur Lehmann heißt, plant die Verfilmung von Kleists Novelle „Michael Kohlhaas“ als historisches Epos mit moralphilosophischem Tiefgang. „Ein freier, denkender Mensch bleibt da nicht stehen, wo der Zufall ihn hinstößt“, zitiert er aus einem Kleist-Brief und kämpft selbst tapfer gegen den Traumfresser Realität, der ihn beharrlich heimsucht. Dagegen setzt er die Macht der Kadrage, dieses zur Not aus Daumen und Zeigefinger beider Hände zusammengesetzte Viereck Leere, das alles sein kann.
Robert Gwisdek verleiht diesem Lehmann – der in jeglicher Hinsicht konsequent schließlich selbst zum Kohlhaas wird – jene Mischung aus kindlichem Spieltrieb und heiliger Besessenheit, die viele große Filmemacher angetrieben hat. Ob es letztlich um ein Pferd oder einen Film geht, macht keinen Unterschied. Wenn die Sache unbedingt ist, ist jedes Mittel recht. Der Making-of-Modus wechselt so geschickt mit den fertig geschnittenen, szenografisch ausgefeilten Szenen des Historienfilms, dass aus dieser Rhythmisierung, zusammen mit dem spielerischen Musikeinsatz, eine Art mitlaufender Kommentar entsteht. Das ist manchmal sehr komisch, überschreitet trotz aller Perspektivsprünge aber nie die Grenze, an der die Logik der Geschichte an den Humor verraten würde.
Sogar als sich das gesamte bayerische Dorf als Laienspielschar herausstellt. „Das ist alles so authentisch hier, Wahnsinn!“, haucht die Hauptdarstellerin, der Star der Truppe, beim gemeinsamen Gelage und berührt damit die andere programmatische Frage des Films: Was ist echt im Kino? Der wirkliche Viehbauer oder das Kornfeld als Massenmetapher? Und wird eine Kuh nicht zum Pferd, wenn der Reiter nur fest genug an den Rappen zwischen seinen Beinen glaubt? Ist das Kino nicht gerade dort am wahrhaftigsten, wo es ganz Spiel ist?

Text: Stella Donata Haag

Foto: Christian Pirjol / Missing Films

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Kohlhaas oder Die Verhältnismässigkeit der Mittel“ im Kino in Berlin

Kohlhaas oder Die Verhältnismässigkeit der Mittel, Deutschland 2012; Regie: Aron Lehmann; Darsteller: Robert Gwisdek (Lehmann), Jan Messutat (Kohlhaas), Thorsten Merten (Herse); 93 Minuten; FSK 6

Kinostart: 8. August 2013

Mehr über Cookies erfahren