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Im Kino: „Kriegerin“

Kriegerin

Als David Wnendt 2010 seinen Abschlussfilm für die Potsdamer Filmhochschule drehte, wusste er nicht, dass sich sein Sujet zum Kinostart mit der tagesaktuellen Debatte überschneiden würde. Die „Kriegerin“ seines Films ist ein Neonazi-Mädchen; im Vorfeld führte er Interviews mit jungen Frauen in Ostdeutschland, die sich Hakenkreuze stechen lassen, Parolen skandieren und anders aussehende Menschen angreifen. Vom organisierten Terror der „Zwickauer Zelle“ war da noch nichts öffentlich bekannt. Die „Kriegerin“ erhält diesen Namen zu Beginn des Films. Aus dem Mund des lieben Großvaters am Ostseestrand klingt es wie ein anerkennendes Kosewort, gerichtet an die sportliche kleine Enkeltochter. Ein Schnitt führt in die Gegenwart: Aus dem Schulmädchen ist ein 20-jähriges Skingirl geworden, das mit seiner Nazi-Clique durch Regionalzüge zieht und dort Mitreisende drangsaliert. Rau und brodelnd wirken die Bilder. Es ist schwierig, Sympathien zu hegen für die Protagonistin Marisa (Alina Levshin), die mit dem Rädelsführer zusammen ist. Wnendt rollt nun Marisas Umfeld aus: Neben dem verehrten Altnazi-Opa gibt es das beengte Zusammenleben mit der verhärmten Mutter; außerdem einen öden Kassenjob im elterlichen Supermarkt.
Alina Levshin spielt das Aggressionsbündel eindringlich, ihre Gesten und Blicke deuten tiefere Facetten der Figur an. Mal starr gegenüber dem jungen Afghanen Rasul (Sayed Ahmad) und seinem Bruder; mädchenhaft im Gespräch mit dem stiernackigen Freund, der in der braunen Bruderschaft von „Taten“ schwadroniert und sich einen Revolver zulegt. Doch Wnendt addiert Seitenhandlungen und recht unvermittelte Wendungen. So entspinnt sich plötzlich Kontakt zwischen Marisa und Rasul, den sie zuvor beim Autofahren als „Strafakt“ vom Moped gebügelt hatte. Von Gewissensbissen geplagt wird aus der Aggressorin die Beschützerin. Eine ähnliche besondere Beziehung entwickelt sich zu dem jungen Neuankömmling in der Clique, dem eigentlich gut situierten Teeniegirl Svenja (Jella Haase). So gerät die „Kriegerin“ in eine gewisse Not, allen Figuren gerecht zu werden. Derweil gerät das Bild der tumben Nazijungs trotz glaubhafter Details letztlich etwas flach. Mit einem konzentrierten Porträt von Marisa, dem kämpfenden großen Kind, wäre der Film der Realität möglicherweise nähergekommen.

Text: Ulrike Rechel

Foto: Alexander Janetzko / Ascot Elite Filmverleih

tip-Bewertung: Annehmbar

Orte und Zeiten: „Kriegerin“ im Kino in Berlin

Kriegerin, Deutschland 2011; Regie: David Wnendt; Darsteller: Alina Levshin (Marisa), Jella Haase (Svenja), Sayed Ahmad (Rasul); 106 Minuten; FSK 12

Kinostart: 19. Januar

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