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Im Kino: "La belle saison – Eine Sommerliebe"

Im Kino: "La belle saison – Eine Sommerliebe"

In der Realität finden die meisten Menschen ihre Lebens- und Liebespartner im direkten sozialen Umfeld: Schule, ­Studium, Beruf, Sportverein. Denn gleiche Interessen, die gleiche Bildung und soziale ­Herkunft machen in einer Beziehung vieles selbstverständlicher und einfacher. Manche ­Dinge müssen nicht dauernd erklärt ­werden. Das Kino funktioniert anders, denn seine ­Geschichten wollen die Reibung, die Probleme, das Drama. Hier können die Unterschiede zwischen den Liebenden gar nicht groß genug sein.
Auch das Paar in Catherine Corsinis "La belle saison" definiert sich über ­solche ­Gegensätze: Die bedächtige 23-jährige ­Delphine (Izпa Higuelin) hat gerade den elter­lichen Bauernhof in der französischen Provinz verlassen, als sie Anfang der 1970er-Jahre in Paris auf der Straße die quirlige Spanischlehrerin und Frauenrechtlerin Carole (Cйcile de France) kennenlernt. Von Frauenrechten versteht Delphine anfangs wenig, dafür ist sie sich ihrer lesbischen Veranlagung ­bewusst, die sie aber insbesondere gegenüber den ­Eltern nicht eingestehen möchte.
Carole hingegen ist von den Annäherungsversuchen der neuen Freundin überrascht, sie hat bislang mit einem Mann zusammengelebt, der an ihr vor allem ihre moderne Unabhängigkeit schätzt. Nun aber stürzt sie sich in eine bedingungslose Liebe, vor der auch die Versammlungen und Aktionen ihrer Frauengruppe langsam verblassen.
Die unruhige Stadt und das gemächliche Land, Moderne und Tradition, Politisches und Privates: Regisseurin Catherine Corsini und ihre Koautorin Laurette Polmanns haben einen komplexen Film mit stimmigen ­Charakteren entworfen, die sich auch angesichts der Gegensätze, die sie selbst in sich tragen, immer wieder neu positionieren müssen.
Schön auch die Nebenfiguren wie die ­Jugendliebe von Delphine, die ihre Beziehung als unernste Spielerei abtut und jetzt heiraten wird, weil dies auf dem Land nun mal von ihr erwartet wird. Oder Manuel, der Freund von Carole, der in ihrer Neuorientierung weniger seine männliche Eitelkeit verletzt sieht als vielmehr das Ideal einer offenen und unkonventionellen Partnerschaft. Denn die Gesellschaft ist zwar im Wandel begriffen, aber eben nur langsam: Präsident Pompidou verleiht immer noch Mutterorden, Homosexualität kann die Zwangseinweisung in die Psychiatrie bedeuten, und auf dem Land wagen Frauen an Gleichberechtigung nicht einmal zu denken.
Damit werden auch Delphine und Carole noch einmal konfrontiert, als sich ihr Lebensmittelpunkt plötzlich verschiebt: Nachdem ihr Vater einen Schlaganfall erlitten hat und zum Pflegefall geworden ist, kehrt Delphine auf den elterlichen Hof zurück und lädt Carole ein, den Sommer ebenfalls dort zu verbringen. Doch die begreift nicht, warum die Landfrauen ihre harte Arbeit selbst nicht zu würdigen wissen, und sie versteht das Versteckspiel der sonst so mutigen Delphine nicht, die immer hektischer versucht, ihre Beziehung zu verbergen – nicht zuletzt, weil sie ihr dörfliches Milieu ziemlich gut kennt. Ein klassisches Happyend kann es auf dieser Basis nicht geben, ein getrenntes, aber zufriedenes Leben aber schon. Denn letztlich bleibt die Zeit nicht stehen, nirgends und für niemanden. ?

Text: Lars Penning

Foto: Alamode

Orte und Zeiten: La belle saison – Eine Sommerliebe

La belle saison (OT) F 2015, 105 Min., R: Catherine Corsini, D: Cйcile de France, Izпa Higelin, Noйmie Lvovsky, Kйvin Azaпs

?Kinostart: Do, 5. Mai 2016

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