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Im Kino: „La Nana – Die Perle“

LA_NANAMundo, der Vater, dem der Überblick verloren geht, ruft ihn Raquel zu, dem Dienstmädchen. Es ist Raquels Geburtstag, nach dem Abendessen hat die Familie nach ihr geklingelt und gerufen, Raquel aber bleibt stumm in der Küche über ihrem Mahl. Schließlich muss Lucas, ihr Liebling, sie sogar zum Geburtstagsständchen zerren und drängen. Als sie im Esszimmer der Familie steht, birgt die Zeremonie keine Überraschungen. Vielmehr folgt eine Reihe mehr oder weniger subtiler Mechanismen, Zeichen eines schwankenden Gleichgewichts zwischen Distanz, Gewöhnung und Floskeln der Bürgerlichkeit: Die Mutter vermasselt die Überraschung, in dem sie ein noch unausgepacktes Geschenk als umtauschbare Strickjacke enttarnt, die Tochter gratuliert mit linkischem Blick und zögernder Geste.
Von übergroßer Nähe zwischen der Familie Valdйz aus der chilenischen Oberschicht und der Frau, die seit 23 Jahren die Hausarbeit und den Großteil der Kinderbetreuung macht, zeugt nicht viel. Die wortkarge Raquel will die Geschenke später in ihrem Kämmerchen auspacken, und irgendwann will Mundo die zunehmend unbehagliche Prozedur beschleunigen. Dabei siezt er seine Angestellte nicht aus Respekt, sondern mit dem Automatismus der bürgerlichen Ordnung Südamerikas: Er verweist sie auf ihren niedrigeren Platz im gesellschaftlichen Gefüge: „Setzen Sie sich doch.“

Mit Kleinigkeiten wie dieser beginnt Sebastiбn Silvas erster Langfilm „La Nana – Die Perle„, die Geschichte eines Hausmädchens (dafür vielfach preisgekrönt: Catalina Saavedra), das langsam den Faden zu verlieren scheint. Die Jahre, die sie bereits im Haus der Familie Valdйz verlebt hat, fordern ihren Tribut. Nun, mit 41, hat sie keine Verbindung mehr zu ihrer eigenen Familie im armen
Norden, sie wird zunehmend von Migräne geplagt und empfindet deshalb ein Gefühl der Bedrohung, als die konfliktscheue Mutter Pilar ankündigt, dass Raquel alsbald ein jüngeres Mädchen zur Seite gestellt bekommen soll. Mit dem sich wandelnden Verhältnis einer langsam verarmenden Frau zu ihrem Hausmädchen hatte 2004 Jorge Gaggero in seinem Debüt „Cama adentro“ bereits ein Sittenbild der argentinischen Gesellschaft gezeichnet: Für die Darstellung der Arroganz einer Klasse, die dem Niedergang nicht ins Auge blicken will, sondern vielmehr versucht, die eigenen Privilegien zu wahren, hatte Gaggero einige Preise gewonnen, aber in Südamerika ein geringes Echo gefunden. Sebastiбn Silva hat einige Preise mehr vorzuweisen, unter anderem wurde „La Nana“ bei den Golden Globes als bester fremdsprachiger Film nominiert und gewann in Sundance in der Weltkino-Kategorie den Großen Preis der Jury und den Darstellerinnenpreis.

la_nanaInsbesondere Catalina Saavedra als verschlossene, längst ein wenig wunderliche Angestellte, die nach Jahren in ihrem Kämmerchen nun mit verbitterter Gewalt ihren möglichen Nachfolgerinnen das Leben zur Hölle macht, beeindruckt. Hier ist es die Angestellte, die mit Zähnen und Klauen um einen Platz in der Familie kämpft, die nebenbei über sie sagt: „Sie gehört mehr oder weniger dazu.“ Diese Lakonie ist das Privileg der Reichen der chilenischen (oder auch der argentinischen) Gesellschaft: Raquel kann sich diesen Luxus nicht leisten. Sie offenbart vielmehr Qualitäten, die gerade in den sozial schwächeren Milieus geteilt werden: Unbarmherzige Abneigung gegen die Zuwanderer aus den armen, indigen geprägten Gesellschaften Perus, Paraguays oder Boliviens. Und auch Raquels Kampf gegen sich selbst und ihre Schwächen weist über sich hinaus – sie ringt mit der Ahnung, dass sie einfach eine Funktion in der Familie eingenommen hat, die ersetzbar ist. Ganz so wie die mittlerweile arbeitslosen Arbeiter, denen im Hafen von Buenos Aires oder Santiago nur noch der Verweis auf Nationalstolz und europäische Abstammung geblieben sind – und die sich eher mit den korrupten Eliten solidarisieren und den Armutsflüchtlingen aus dem Norden mit dem Kehraus drohen.

Sebastiбn Silva inszeniert diese gesellschaftlichen Umbrüche gleichsam nach Innen gewendet: Erst als Raquel sich an der fröhlichen Naivität der übernächsten Kandidatin Lucy die Zähne ausbeißt, verlassen wir kurzzeitig auf der nun anstehenden langen Reise Raquels zu sich selbst die engen Grenzen des Haushalts. „La Nana“ ist einer jener Filme, die nicht vom Dramaturgie-Terror der universalen Erklärung aller Gesten verbaut sind. Grimmige Komik verstärkt nur die Sympathie für eine Frau, für die es den Blick eines guten Regisseurs braucht, um sie als Star zu erkennen.

Text: Lennart Laberenz

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „La Nana“ im Kino in Berlin 

La Nana Chile/Mexiko 2009; Regie: Sebastiбn Silva; Darsteller: Catalina Saavedra (Raquel), Claudia Celedуn (Pilar), Alejandro Goic (Mundo); 95 Minuten

Kinostart: 17. Juni

NEUSTARTS IN BERLIN

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