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Im Kino: „Last Night“

Last Night

Die perfekte Welt der Reeds provoziert spontanes Unbehagen. Michael ist zu erfolgreich in seinem Beraterjob und Joanna zu dünn, das New Yorker Loft zu schick und selbst ihre Schreibblockade stellt nur die vom ersten publizierten Roman hergestellte Fallhöhe aus. Doch „Last Night“, das beeindruckende Regiedebüt der Literaturwissenschaftlerin und Drehbuchautorin Massy Tadjedin, schmückt sich nicht leichtfertig mit gehobenem Stil, sondern entwirft ein scheinbar problembereinigtes Leben als Nullzustand. Es wird eine Laborsituation entworfen, in der sich die Frage nach der Wahrheit in der Liebe experimentell erforschen lässt. Die kalkuliert eingeführten Störfaktoren im Beziehungsbiotop heißen Laura und Alex, sie eine aufregende weibliche Arbeitskollegin, er eine leidenschaftliche, nie ganz abgelegte Zwischenliebe.
In der Aufmerksamkeit für die Uneindeutigkeit von Beobachtungen argumentiert der Film stark kinematographisch, befragt den Bedeutungsstatus der in Bilder gebannten Blicke. Am Anfang sieht Joanna bei einer Party Michael und Laura im Gespräch hinter einer Glasscheibe, die zum Schirm, zur Leinwand wird. Das stumme Geschehen nimmt also eine Geschichte von Betrug und Verrat vorweg, die sich erst viel später ereignen wird. In der letzten Szene des Films nimmt der schuldbewusst heimkehrende Michael die von der eigenen Entsagung berauschte Joanna in die Arme – und sieht noch in diesem Augenblick maximaler Nähe ihre hochhackigen Schuhe, fühlt die elegante Wäsche unter ihrer groben Strickjacke. Und wittert den anderen Mann.
„Last Night“ arbeitet programmatisch mit einer zirkulären Struktur und präsentiert Vertrauen und Argwohn als Grundelemente, wenn nicht Garanten der Liebe. So vollzieht sich vor cooler New Yorker Kulisse eine Vivisektion von Beziehungen, wie sie das französische Kino in Perfektion entwickelt hat, einschließlich seiner typischen Transparenz zwischen Darsteller und Rolle: man schaut zugleich Menschen beim Leben und sehr guten Schauspielern beim Arbeiten zu.

Text: Stella Donata Haag

Foto: Jojo Whilden

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Last Night“ im Kino in Berlin

Last Night, USA/Frankreich 2010; Regie: Massy Tadjedin; Darsteller: Sam Worthington (Michael Reed), Keira Knightley (Joanna Reed), Eva Mendes (Laura); 92 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 30. Dezember

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