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Im Kino: „Leb wohl, meine Königin!

Im Jahr 2006 ging Kirsten Dunst in Sofia Coppolas „Marie Antoi­nette“ dem dekadenten Leben der französischen Rokoko-Königin am Hof von Versailles nach: eine gelangweilte Pop-Prinzessin zwischen Modenschauen und rosa Cremetörtchen, in wahren Ausstattungsorgien opulent in Szene gesetzt. Gleichwohl gelang es Coppola dabei, das System Versailles mit all seinen Absurditäten treffend zu analysieren. Ihre Figuren definieren sich allein durch ihre Funktion am Hof: Aufstehen, Anziehen, Essen, Sexualleben – allesamt detailliert festgelegte Rituale, bei denen von der Königin bis zum kleinsten Chargen jeder seine Rolle zu spielen hat. Und über diese jeweilige Rolle wird eifersüchtig gewacht, hängt doch die Existenzberechtigung jedes einzelnen Höflings davon ab.

Auf den ersten Blick sieht Benoоt Jacquots „Leb wohl, meine Königin!“, der von den ersten vier Tagen der Französischen Revolution von 1789 erzählt, völlig anders aus als „Marie Antoinette“: Nicht Königin Marie Antoinette (Diane Kruger) ist hier die Hauptperson, sondern ihre Vorleserin Sidonie Laborde (Lйa Seydoux), nicht Pomp und Prunk des Hofstaates sind das Thema, sondern die Hintertreppen, Küchen und kleinen Kammern des Schlosses von Versailles. Gemeinsam mit Sidonie, für die sich fast jede Tür öffnet, erkundet man als Zuschauer den riesigen Palast und seine Bewohner und entwickelt dabei nicht nur ein schönes Gespür für die dabei zurückzulegenden enormen Wege, für das Ungeziefer, das die Bediensteten plagt, und für einen eklatanten Mangel an Privatsphäre, sondern auch für die hermetische Abgeschlossenheit dieser Welt.
Auf langen dunklen Fluren irrlichtern die Höflinge alsbald des Nachts mit Kerzen und Nachtmützen herum, ihre Imagination ist befeuert durch ein paar Pamphlete, die den Weg ins Schloss gefunden haben, vor allem aber durch die besagte Abgeschiedenheit: Man weiß in Versailles überhaupt nicht, was vorgeht in der realen Welt da draußen. Schon beginnt die rituelle Ordnung zusammenzubrechen.

Und jene, um die sich diese Welt bislang drehte, porträtiert Jacquot als nicht weniger hilflos, unbedeutend und ahnungslos wie alle anderen: Wenn Marie Antoinette etwa zwischenzeitlich über eine Flucht in die Festung von Metz nachdenkt, dann überlegt sie ganz ernsthaft, ihre Kakaokanne und das Spinnrad mitzunehmen. Es könnte ihr ja sonst langweilig werden. „Ich bin so verloren wie Sie“, sagt König Ludwig XVI. (Xavier Beauvois) einmal zu seiner Gattin und zeigt sich restlos verwundert, dass das Volk nicht nur Brot, sondern auch Macht will. „Ich dachte immer, Macht ist ein Fluch, den man unfreiwillig erbt.“
Und trotzdem: Die verschlossene Sidonie mag nicht lassen von ihrer Verehrung für die sprunghafte Königin, diesen ebenso interessanten wie zwiespältigen Charakter, der weniger an die eigene Sicherheit als vielmehr an die augenblickliche Befriedigung seiner Launen denkt, die meist im Handumdrehen schon wieder vergessen sind.

In der Motivation der Treue Sidonies zur Herrscherin trifft sich schließlich „Leb wohl, meine Königin!“ mit Coppolas Versailles-Analyse in „Marie Antoinette“: Denn Sidonie hält sich für einen Niemand, und allein der auf sie fallende Abglanz der Königin, die vermeintliche Intimität mit der Herrscherin, lässt sie in ihrer eigenen Wahrnehmung wichtig erscheinen. So ist die Volte des Schlusses ebenso ironisch wie bitter: Marie Antoinette wird ihre Vorleserin vielleicht gerade dadurch retten, dass sie sie bedenkenlos in Gefahr bringt – und Sidonie damit zugleich ins wahre Leben und in die vermeintliche Bedeutungslosigkeit entlassen. 


Text: Lars Penning
Foto: Capelight_Pictures
tip-Bewertung: Sehenswert

Leb woh, meine Königin – Les adieux а la reine im Kino in Berlin
Frankreich/Spanien 2012;
Regie: Benoоt Jacquot; Darsteller: Lйa Seydoux (Sidonie Laborde), Diane Kruger (Marie Antoinette), Virginie Ledoyen (Gabrielle de Polignac);
105 Minuten; FSK 6;
Kinostart: 31. Mai  

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