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Im Kino: „Lincoln“ von Steven Spielberg

Lincoln

Es hätte durchaus schlimm werden können, wenn Steven Spielberg, der mit allen Hollywood-Wassern gewaschene Meister des Spiels auf der emotionalen Klaviatur, ein Biopic über den US-Präsidenten Abraham Lincoln dreht. Von der sentimentalen Schmonzette bis zum pathetischen Geschichtsmonument wäre theoretisch wohl alles möglich gewesen, denn bekanntlich trägt Spielberg nur allzu gern eine Spur zu dick auf. Doch alles ist gut: Spielberg und seinem Drehbuchautor Tony Kushner ist ein überaus intelligenter Film über die Visionen, Fallstricke und Winkelzüge der Politik gelungen, ein Film, der den von Daniel Day-Lewis verkörperten Präsidenten sogar vom Denkmalsockel holt, ohne ihn dabei ernsthaft zu beschädigen. Entstanden ist das komplexe Porträt eines moderaten Mannes, der im Streit einer zutiefst gespaltenen Nation auf Ausgleich setzt, eines Realpolitikers, der alle erlaubten und unerlaubten Tricks und Kniffe des politischen Geschäfts kennt und nicht zögert, sie im Dienst seiner Sache auch einzusetzen. Ein machtbewusster Mensch, aber kein machthungriger.
Das Biopic erzählt lediglich eine kurze Phase der Präsidentschaft Lincolns, in der sich die Ereignisse geradezu überschlagen: Nachdem Lincoln im November 1864 für eine zweite Amtszeit wiedergewählt worden war, kam es innerhalb weniger Wochen zur Verabschiedung des 13. Zusatzartikels zur US-Verfassung, mit dem die Sklaverei abgeschafft wurde, sowie zum Ende des Sezessionskriegs. Noch vor der endgültigen Kapitulation der Südstaaten wurde Lincoln im April 1865 von einem glühenden Südstaaten-Anhänger ermordet.
Die ideelle Spaltung der Nation verläuft in „Lincoln“ jedoch nicht nur zwischen Norden und Süden, sondern manifestiert sich auch im Repräsentantenhaus, in dem die Republikaner (damals die eher fortschrittliche Partei) eine Zweidrittelmehrheit zur Verabschiedung des Zusatzartikels benötigen. Die jedoch haben sie nicht, weshalb – durch Überzeugungsarbeit ebenso wie mittels wenig verhohlener Korruption – Stimmen der Opposition gewonnen werden müssen. Zugleich aber muss Lincoln auch die verschiedenen Flügel seiner eigenen Partei besänftigen und immer wieder gegeneinander ausspielen – den einen geht er zu weit, den anderen nicht weit genug.
Spielberg und Kushner präsentieren Politik als spannenden, keineswegs immer restlos moralischen Vorgang, in dem feste Überzeugungen und gesellschaftspolitische Visionen aber ebenso ihren Platz haben wie handfeste machtpolitische Taktik. Und es fällt nicht schwer, in dem Porträt einer gespaltenen Gesellschaft und ihres moderierenden, zugleich aber auch essentielle politische Ziele verfolgenden Präsidenten die Analogien zur Gegenwart der USA zu erkennen: „Lincoln“ ist auch eine Parabel auf den momentanen, schrecklichen Zustand Amerikas, aber – und das ist dann vielleicht doch typisch Spielberg – es gibt Hoffnung. Das Vorbild heißt Lincoln.

Text: Lars Penning

Foto: David James, SMPSP / 2012 DreamWorx II Distribution CO, LLC. / 2012 Twentieth Century Fox

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Lincoln“ im Kino in Berlin

Lincoln, USA 2012; Regie: Steven Spielberg; Darsteller: Daniel Day-Lewis (Präsident Abraham Lincoln), Sally Field (Mary Todd Lincoln), David Strathairn (Außenminister William Seward); 149 Minuten; FSK 16

Kinostart: 24. Januar

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