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Im Kino: „Lourdes“ von Jessica Hausner

Befragt nach filmischen Modellen, verweist Hausner auf Carl Theodor Dreyers „Ordet“ von 1955, aber auch auf Jacques Tatis komplexe Slapstick-Choreografien. Ihr eigenes Verhältnis zum Katholizismus ist ambivalent: „Ich bin damit aufgewachsen, ich habe eine katholische Schule besucht. Heute merke ich, wie vertraut mir das alles immer noch ist.“ Als gläubig würde sie sich nicht bezeichnen, aus der Kirche ist sie längst ausgetreten. Aber es faszinierte sie, im Vorfeld Interviews mit Priestern und Theologen zu führen: „Es war spannend zu sehen, wie manche von ihnen doch oft zweifeln. Ein Priester, der auch mit diesen letzten Fragen zu hadern schien, meinte ironisch: ‚Ich glaube, weil ich es auch nicht wissen kann.'“ Nicht die „Vermarktung des Glaubens in Lourdes“ habe sie thematisieren wollen, meint Hausner noch, lieber habe sie Lourdes und den Begriff des Wunders ernst genommen. „Ich wollte nicht nur darüber spotten, dass eine Gelähmte nach Lourdes fährt, dreimal in die Bäder steigt, viel betet und auf Heilung hofft. Ich fand es interessanter zu fragen: Warum nicht? Wenn so etwas angeboten wird, kann man es in Anspruch nehmen, vielleicht hilft es ja.“
Es gibt in diesem so verhaltenen Film jedenfalls viel zu entdecken: das Spiel der missgünstigen Blicke unter den auf Wunderheilung Hoffenden etwa – oder auch das marmorne, marienhafte Gesicht Elina Löwensohns, die als leitende Ordensdame hier aussieht, als sei sie dem Spätwerk des großen Subversivkatholiken Luis Buсuel entsprungen.
Die Auseinandersetzung mit dem Katholizismus ist eine österreichische Spezialität – von den Kirchenpolemiken Thomas Bernhards und den Kunst-Liturgien des Hermann Nitsch bis zu den Glaubensstudien Ulrich Seidls („Jesus, Du weißt“). Hausner wählt einen völlig anderen Weg: Sie untersucht die befremdlichen Aspekte in den Routinen des katholischen Massentourismus. Die strenge Form des Films mit seinen bedächtigen Schwenks und Zooms, war übrigens ebenso vorgezeichnet wie die Farbdramaturgie: Sie folgt den Vorgaben der in Lourdes allgegenwärtigen Marienstatuen. Das traditionelle Blau des Jungfrauenumhangs wird in „Lourdes“ zum Leitmotiv: eine minimalistische Groteske in Ultra-Marienblau.

Text: Stefan Grissemann

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Lourdes“ im Kino in Berlin

Lourdes, Österreich/Deutschland/Frankreich 2009; Regie: Jessica Hausner; Darsteller: Sylvie Testud (Christine), Lйa Seydoux (Maria), Bruno Todeschini (Kuno); Farbe, 99 Minuten

Kinostart: 1. April 2010

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