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Im Kino: „Lourdes“ von Jessica Hausner

Man hofft auf ein Wunder. Das ist in Lourdes der Grundanspruch. Überall ist die inszenierte Milde des Karitativen zu spüren, werden die angereisten Kranken von sakraler Orgelmusik beschallt. „Lourdes“, die jüngste Arbeit der österreichischen Regisseurin Jessica Hausner („Lovely Rita“), uraufgeführt vor einem halben Jahr beim Filmfestival in Venedig, verfremdet den südfranzösischen Wallfahrtsort zur bizarren Kulisse einer Erzählung, in der Zeichen und Wunder geschehen, aber nicht vorwärts zu kommen ist. Hier herrscht nur Stagnation.
Eine an Multipler Sklerose leidende junge Frau, scheu dargestellt von Sylvie Testud, findet in Lourdes zu neuer Bewegungsfähigkeit. Was ist das? Einbildung? Der letzte Energieschub einer Schwerkranken? Um den Begriff des Wunders dreht sich in „Lourdes“ alles; man differenziert hier zwischen „offiziellen“ und „inoffiziellen“ Wundern. Hausner wagt den Balanceakt zwischen gebotenem Ernst und raffinierter Farce, indem sie eine Parallelgesellschaft porträtiert, in der Neid und Misstrauen herrschen, aber auch Gutgläubigkeit – und in der unentwegt Mutmaßungen über Gottes Agenda angestellt werden. Es kommt zur Verdrehung der Verhältnisse: Die Gesunden werden krank, die Kranken geheilt.
Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, dass viele der Dinge, die dieser Film zeigt, frei (und frech) erfunden seien. Ein bunter Abend in Lourdes mit Schlagermusik und Hauptpreis für die beste Wallfahrerin? Applaus der Pilgergruppe für eine wundersam Geheilte, die da ein linkisches Tänzchen mit einem der uniformierten Helfer des Malteserordens (Bruno Todeschini) wagt? Das ist schwer zu glauben. Aber darum geht es in „Lourdes“ – um die Kraft des Glaubens und um den Abgrund, der zwischen Gottvertrauen und Vernunft klafft.
„Lourdes“ konzentriert sich, zart surrealistisch, auf den unwirklichen Alltag im Wallfahrtsort. Das Bild der Jungfrau Maria ist omnipräsent, es scheint auf die Farben und den Tonfall der Inszenierung überzugreifen. Die hierher gereisten Kranken sehnen sich nach Normalität, sie wollen sein wie alle anderen. Lourdes ist ein Ort der letzten Hoffnung. Der Film zeichnet die Absurdität und Tristesse der katholischen Rituale, die schwere Orgelmusik und die salbungsvollen Ansprachen nach, zeigt die (realen) Massenprozessionen in Lourdes. „Ich wollte dies alles als Parabel erzählen, nicht dokumentarisch, sondern eher stilisiert“, sagt Jessica Hausner, „weil ich im Prinzip eben keinen Film über Lourdes drehen wollte, sondern über die Hoffnung, die all die Leute an diesem Ort zusammenführt.“
Die 37-jährige Regisseurin, verfügt über einen ausgeprägten Stil: Die Linie von ihrer mittellangen Psychostudie „Inter-View“ (1999) über das Teenagerdrama „Lovely Rita“ (2001) und den minimalistischen Horrorfilm „Hotel“ (2004) hin zu „Lourdes“ ist deutlich. Das liegt auch an der Präzision ihres Kameramanns Martin Gschlacht, der seit 1999 alle Filme Hausners fotografiert hat.

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