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Im Kino: „Maidan“

Maidan

Lasst uns ernst machen. Wer kommt heute auf den Maidan? Das schrieb der ukrainische Journalist Mustafa Najem im November 2013 in einem Eintrag auf Facebook. Die Reaktion auf seinen Aufruf war nicht überwältigend, aber aus dem Kern der Demonstranten, die sich an diesem Abend auf dem zentralen Platz der Hauptstadt Kiew einfanden, wurde eine mächtige Bewegung, die nach einem neuen politischen System für die Ukraine verlangte. Der Lauf der Dinge ist aus den Medien bekannt: Zuerst ging es nur um die Unterzeichnung eines Abkommens zwischen der EU und der Ukraine, bald aber stand viel mehr auf dem Spiel, zumal auf demselben Platz bereits 2004 eine Revolution stattgefunden hatte. Sie stand im Zeichen der Farbe Orange, und blieb letztendlich folgenlos. Nun waren die Probleme wieder die gleichen: bitterkalte Nächte in Kiew, eine bedrohliche Geheimpolizei, und ein Präsident, der sich an die Macht klammert.
Schon bald nach den ersten Ereignissen begann Sergej Loznitsa, auf dem Maidan die Proteste gegen das Janukowytsch-Regime zu drehen. Der wichtigste Filmemacher der Ukraine lebt, wenn er nicht gerade irgendwo dreht, in Berlin. Nun aber musste er, wann immer es ging, vor Ort sein. Es entstand ein distanzierter Dokumentarfilm über einen Volksaufstand, an dem Loznitsa zuerst einmal die Vielfalt der Kundgebungen und die Logistik interessierte. Er zeigt, wie während der Wochen der Proteste viele einfache Leute auf die Bühne kamen und mit ihren eigenen Worten für die Veränderungen eintraten. Eine Staatstheorie von unten wird hier erkennbar, zwischendurch immer wieder der Ruf „Weg mit der Bande“ (gemeint sind die korrupten Eliten, vor allem rund um den Präsidenten), und schließlich sinkt der ganze Film in die dunklen Schwaden der Gefechte rund um Maidan, Kreshtshatyk und Institutskaya Straße.
Viele Verfechter des ukrainischen Aufbruchs empfanden „Maidan“ als distanziert, aber Loznitsa beharrte auch hier auf einer eigenen, künstlerischen Wahrheit, und traf dabei doch sehr viel von der dramatischen Stimmung dieser Tage, ohne sich dabei auf irgendwelche Authentizitätsgesten des Reportagefernsehens oder des Smartphone-Dokumentarismus einzulassen. Herausragend ist der Film, weil er tatsächlich noch im Moment der Auseinandersetzung eine „historische“ Position einnimmt: Er zeigt den Maidan zwar in Manier eines Historienmalers, aber als Ort eines genuin demokratischen „nation building“, und genau das ist es, worin die ukrainische Erfahrung so anstößig für das Regime des großen Nachbarn Russland wurde, und worin auch das allgemeine Interesse an diesem bewegenden Film liegt.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Atoms & Void BV / GrandFilm

Orte und Zeiten: „Maidan“ im Kino in Berlin

Maidan, Ukraine 2014; Regie: Sergei Loznitsa; 130 Minuten

Kinostart: Do, 03. September 2015

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