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Im Kino: „Maman und ich“

Maman und ich

Es ist schon eine ganze Weile her, seit in einer deutschen Kritik gegenüber einem französischen Autorenfilm der Vorwurf der Nabelschau erhoben wurde. Das muss nicht bedeuten, die dortigen Filmemacher hätten reihum aufgehört, strenge Narzissten zu sein. Ihre Arbeiten gelangen nur eben kaum noch in hiesige Kinos.
Auch in dieser Kritik werden Sie vergeblich nach diesem Vorwurf Ausschau halten. Die radikale Selbstbezogenheit von „Maman und ich“ ist vielmehr eine vergnügliche Tugend. Guillaume Gallienne agiert als der Confйrencier einer Lebensbeichte, die ein schelmisches Vergnügen an ihrer Einmaligkeit hat. Es ist die Adaption seiner One-Man-Show, über deren autobiografischen Gehalt das französische Theaterpublikum seit ihrer Premiere vor sechs Jahren munter spekuliert.
Als jüngster von drei Söhnen wird Guillaume von seiner resoluten Mutter in die Rolle der verpassten Tochter gedrängt. (Der Originaltitel lässt sich mit „Die Jungs und Guillaume, zu Tisch!“ übersetzen.) Wohlerzogen und ein wenig apathisch fügt er sich in die zugewiesene Geschlechtsidentität. Zum Schrecken des Vaters, der traditionelleren Vorstellungen anhängt – er hat viele schöne Sekretärinnen –, erfüllt der Junge wacker alle Kriterien einer sich anbahnenden Homosexualität. Gallienne spielt das mit wohldosierter Geziertheit.
Bei nächstbester Gelegenheit wird das Sorgenkind ins Ausland verschickt. Guillaume verguckt sich in einen schönen Briten, verwirrt seine Gastgeber in Spanien, weil er sich beim Flamenco lieber führen lässt, und begegnet in einem Kurhotel zwei furchterregenden Deutschen (Diane Kruger und Götz Otto sind hier klug besetzt). Guillaumes Herz schlägt im Einklang mit dem der Frauen, aber nicht im ?gleichen Rhythmus. Denn ganz so unausweichlich ist seine sexuelle Bestimmung womöglich nicht.
Galliennes Lebensrevue spielt unerschrocken mit Klischeebildern. Sie zu unterlaufen, bereitet dem Schauspieler-Regisseur ein diebisches Vergnügen. Sein Plauderton ist verführerisch. Auch als Autor ist er ein Chamäleon, versucht sich mit Einzeilern а la Woody Allen („Spanien ist noch hässlicher als Le Havre – falls das möglich ist.“) und wiegt das Publikum in der Gewissheit, dass keine Lebenssituation so kompliziert sein kann, als dass ihr nicht mit boulevardeskem Elan beizukommen wäre. Ihre Bühnenherkunft verleugnet die Emanzipationskomödie von der ersten Szene an nicht. Aber sie spielt die Darstellungskonventionen verschmitzt über die Bande, indem sie Galliennes Bühnenauftritte sehr filmisch auflöst und den Familienszenen beträchtliche Theatralität verleiht. Munter springt der Film zwischen Zeiten, Orten und Realitätsebenen. Auf der Bühne, wo die Diskrepanz zwischen Innenleben und äußerer Erscheinung leichter zu tilgen ist, übernahm Gallienne sämtliche Rollen. Vor der Kamera, die andere Ansprüche an die Glaubhaftigkeit stellt, hat er seine Lust an der Verkörperung gezähmt. Außer seinem Alter Ego spielt er „nur“ noch seine Mutter und verleiht ihr eine Präsenz, die den Blick des Zuschauers bald von der Travestie ablenkt und auf die Figur konzentriert.

Text: Gerhard Midding

Foto: 2014 Concorde Filmverleih GmbH

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Maman und ich“ im Kino in Berlin

Maman und ich (Les garcons et guillaume, а table!), ?Frankreich 2013; Regie: Guillaume Gallienne; Darsteller: Guillaume Gallienne (Guillaume/Maman), Andrй Marcon (Vater), Françoise Fabian (Baboue); 87 Minuten; FSK 12

Kinostart: 5. Juni

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