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Im Kino: „Mammut“

MammothIn den letzten Jahren hat sich im Autorenkino so etwas wie ein Sub-Genre herausgebildet: Immer wieder versuchen Filmemacher, die wirtschaftlichen Schieflagen und sozialen Ungerechtigkeiten einer vernetzten, globalisierten Welt aufzuzeigen. Zur bevorzugten Form wird dabei der „Sandwich-Film„, orientiert an Altmans „Short Cuts““ (1993), Soderberghs „Traffic“ (2000) und natürlich Inаrritus „Babel““(2006). Die parallelen und verschränkten Erzählstränge sind für Filmemacher reizvoll, verschiedene Fallbeispiele und Einzelschicksale lassen sich zu einer Gesamtdarstellung verbinden. Alles hängt heute irgendwie zusammen, das Kino beansprucht Deutungshoheit, selbst wenn der Erkenntnisgewinn schmal bleibt und konkrete Lösungsansätze fehlen.

Von dem 41-jährigen Lukas Moodysson kann man mehr erwarten, seine Kritik am Status Quo im frühen 21. Jahrhundert war zuletzt so eindeutig wie rücksichtslos. „Lilja 4-Ever“ (2002) behandelte Menschenhandel und Zwangsprostitution, seine Underground-Doku „Terrorister“ (2003) skizzierte die Unruhen zum EU-Gipfel 2001, sein experimentell angelegter „A Hole In My Heart““ (2004) war eine Anklage von Patriarchat, Entfremdung und sexueller Entwürdigung. Leichte Kost sieht anders aus, auch filmisch ist Moodysson erfreulich unbequem. Dass er jetzt mit „Mammut“, seinem ersten fast vollständig auf Englisch gedrehten Film, dem Trend zur mehrlagigen Erzählung folgt, lässt radikale, filmisch ambitionierte Gesellschaftskritik erwarten.

In den Mittelpunkt der Geschichte stellt Lukas Moodysson eine wohlhabende New Yorker Kleinfamilie: Vater Leo (Gael Garcнa Bernal) ist ein erfolgreicher Spiele-Entwickler, mit seiner Frau Ellen (Michelle Williams), einer kompetenten Notfall-Chirurgin, hat er eine süße Tochter, Jackie (Sophie Nyweide), eine schicke Wohnung, ein schönes Leben, keine Sorgen. Der Kitt dieser Kleinfamilie ist das philippinische Haus- und Kindermädchen Gloria (Marife Necesito), eine freundliche Frau mittleren Alters, für Jackie längst eine wichtigere Mutterfigur als die von Schichtdienst und Stress geplagte Ellen. Für den guten Job bei der netten Yuppie-Familie hat Gloria ihre beiden kleinen Söhne bei der Großmutter auf den Philippinen zurückgelassen, zu denen sie erst zurückkehren will, wenn ein Haus fertig gebaut und die familiäre Zukunft gesichert ist.

MammothDie Eltern und die Dienstbotin, Industrie- und Schwellenland sind für den Autorenfilmer nur Versuchsanordnung: Eine Mutter, die sich in direkter Konkurrenz zur Nanny wiederfindet, die nicht für die eigenen Kinder da sein kann, und Leo, der für einen millionenschweren Vertragsabschluss nach Bangkok reist und dann von der Nobelherberge in die einfache, abgelegene Strandhütte zieht. Dass sich der Amerikaner am Strand eine billige Uhr, Shorts und ein Tiger-T-Shirt kauft, die Nähe zu kiffenden Backpackern sucht und einer jungen Prostituierten viel Geld gibt, damit sie diese Nacht nicht arbeiten muss, hilft ihm in „Mammut“ nicht. Ein anderer Tourist wird wenig später anderswo Glorias Zehnjährigen verschleppen und missbrauchen, für Moodysson wiegt das kaum schwerer als Leos Unmoral. Der wird von der jungen Frau aus dem Sex-Club aufgesucht, sie zeigt ihm Land und Leute, man hat Sex, Leo macht ihr süßliche Versprechungen einer gemeinsamen Zukunft und verschwindet dann doch am nächsten Morgen. Zurück lässt er seine zwei Uhren und einen 3000 Dollar teuren Füller mit Mammut-Elfenbein-Intarsien.

Die gesamte Rezension von tip-Autor Thomas Klein lesen sie in der aktuellen tip-Ausgabe 13/2010. 

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Spielzeiten: Mammut“ im Kino in Berlin

Mammoth Schweden/Deutschland/Dänemark 2009; Regie: Lukas Moodysson; Darsteller: Gael Garcнa Bernal (Leo Vidales), Michelle Williams (Ellen Vidales), Marife Necesito (Gloria); 125 Minuten

Kinostart: 10. Juni

NEUSTARTS IN BERLIN

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