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Im Kino: „Mary & Max“

Mary und Max

Im Jahr 2004 erhielt der australische Regisseur Adam Elliot einen Oscar für seinen in der Knet­animationstechnik ausgeführten Kurzfilm „Harvie Krumpet“. Darin führt Geoffrey Rush als Erzähler durch das Leben eines Mannes, der nicht gerade vom Glück verfolgt ist: Harvie leidet unter dem Tourette-Syndrom, seine Mutter ist wahnsinnig, das Haus brennt ab, und die Eltern erfrieren nackt im Schnee. Dann spaltet ihm jemand den Schädel, die Metallplatte in seinem Kopf wird magnetisch, und es trifft ihn ein Blitz. Schließlich erkrankt er auch noch an Hodenkrebs und später an Alzheimer – und das sind nur einige Highlights aus Harvies Leben.
Dass Elliot keine Kinderfilme dreht, dürfte mittlerweile klar sein: Immer wieder erzählt der Regisseur Geschichten von Außenseitern mit mentalen und physischen Handicaps, die bei allen Aufs und Abs ihr Leben dann doch irgendwie meistern und letztlich gar nicht so unglücklich sind, wie man vielleicht glauben möchte. Vor allem aber sind Elliots Filme dabei auch noch ungeheuer komisch: All die Katastrophen und Missgeschicke der Protagonisten werden mit jener unglaublichen Lakonie vorgetragen, die schwarzen Humor erst so richtig zum Tragen bringt.
Derart eingestimmt, kann man sich jetzt auf Elliots ersten abendfüllenden Spielfilm „Mary & Max“ freuen, „based on a true story“, wie es uns der Vorspann verspricht. Einmal mehr ist die Grundstimmung düster, aber heiter: Die achtjährige Australierin Mary hat eine große Brille, ein ebenso großes Geburtsmal auf der Stirn und keine Freunde in einer farb- und trostlosen Welt. Also sucht sich Mary eine beliebige Adresse aus dem New Yorker Telefonbuch und schreibt einen Brief an Max Horovitz, dem sie einen Schokoladenriegel als Geschenk beilegt. So beginnt eine zwanzig Jahre währende und nicht immer stressfreie Brieffreundschaft mit dem vierundvierzigjährigen Juden Max, der mit Übergewicht und seinem Asperger-Syndrom kämpft und Panikattacken bekommt, wenn ihm die Dinge des Lebens unverständlich erscheinen. Und davon gibt es so einige …
Bestechend ist die ungeheuer detaillierte, von Elliot selbst entworfene Ausstattung des Films, dessen Dreharbeiten allein über ein Jahr dauerten: Zweieinhalb Minuten Film schaffte das Team mit der Stop-Motion-Technik pro Woche und bewegte dabei über 200 Figuren in rund 130 verschiedenen Sets. Dass das tragikomische Schicksal der beiden Helden den Zuschauer für zwei Stunden an den Kinosessel zu fesseln vermag, ist sicher auch darauf zurückzuführen, dass die Liebe der Filmemacher zu ihren Figuren bei der Knetanimation noch viel deutlicher zu greifen scheint als bei anderen Kino­formen.
Vor allem aber vergisst Adam Elliot bei aller Faszination für die Außenseiter nicht, dass die Geschichte von „Mary & Max“ eigentlich ein ganz allgemeingültiges Thema berührt: den Wunsch nach Liebe, Freundschaft und einem erfüllten Leben.

Text: Lars Penning

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Mary und Max“ im Kino in Berlin

Mary und Max (Mary and Max), Australien 2009; Regie: Adam Elliot; Stimmen: Toni Collette (Mary Daisy Dinkle), Philip Seymour Hoffman (Max Jerry Horovitz), Eric Bana (Damien); 96 Minuten

Kinostart: 26. August

Im Filmkunst 66 läuft „Mary und Max“ mit dem 20-minütigen Kurzfilm „Harvie Krumpet“ im Vorprogramm.

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