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Im Kino: „Max Schmeling“

Max Schmeling

Wer ist der schlechteste Regisseur der Welt? Oft wird der deutsche Vielfilmer Uwe Boll genannt. Auch „Max Schmeling“ unterstreicht Bolls Titelambitionen. In der Hauptrolle schleppt sich der sogenannte Gentleman-Boxer Henry Maske über die Runden und sagt ungelenke Sätze mit tonloser Nuschelstimme auf. Das ehemalige RTL-Geschöpf Maske verkörpert den Jahrhundertboxer Max Schmeling. Der Fokus liegt dabei auf den 30er- und 40er-Jahren, als Schmeling seine große Zeit hatte und wider Willen zum Aushängeschild Nazi-Deutschlands wurde.
Schmeling und die Nazis, Schmeling und sein jüdischer Manager Joe Jacobs, Schmeling und seine legendären Kämpfe gegen Joe Louis, Schmeling und seine Ehe mit der tschechischen Schauspielerin Anny Ondra. Schmeling ist ein schillernder und gleichzeitig bodenständiger Superstar, seine Karriere verläuft widersprüchlich und dramatisch, in Nazi-Deutschland ist sie vor allem eine Gratwanderung. Der gefeierte Boxer ist ein gern gesehener Gast bei Göring, Goebbels und Hitler, er nutzt diese Position, um eigene Interessen durchzusetzen oder Juden zu retten. Die Nazis wiederum benutzen den Ausnahmeboxer, um im großen Stil für die arische Sache zu werben.
Max SchmelingUwe Boll tippt das alles in seinem Film an, aber es interessiert ihn nicht weiter. Er hat nur Augen für Henry Maske, aber leider ­keine Idee, was er mit diesem hölzernen Fernsehboxer machen soll. Von Spannung und Drama keine Spur. Schmeling/Maske kämpft nicht, er sitzt fast alles aus – die Nazis, den Weltkrieg, das Leben. Alles geht vorbei an Schmeling/Maske, der immer nur dasitzt und sich kaum rührt – auf dem Hocker im Ring, auf dem Sessel im Hotel, auf dem ­Bürostuhl im Nazi-Büro. Schmeling als ­bleiernes Denkmal.
„Max Schmeling“ ist ein untypisches Boll-Werk. Meistens verfilmt Boll Videospiele („House of the Dead“, „BloodRayne 1-3“), manchmal wartet er auch mit harten Gegenwartsstoffen auf wie im Kriegsdrama „Darfur“. Doch immer braucht er die grelle Schlag­zeile, die heiß servierte Schlachteplatte. Davon ist der Schmeling-Film weit entfernt. Wahrscheinlich ist Boll darüber nervös geworden und hat Abhilfe geschaffen.
Anfang September, einen Monat vor dem Kinostart von „Max Schmeling“, tauchte auf YouTube der Trailer zu Bolls nächstem Film über die Nazi-Zeit auf. Der Film heißt „Auschwitz“, und der 49-Sekunden-Trailer geht so: Uwe Boll steht als SS-Mann vor einer Gaskammer und döst. Durch ein Bullaugenfenster in der Tür sieht man Gesichter. Schnitt auf den Innenraum der Gaskammer. Nackte Körper, erstickende Menschen. Dann ein Toter, dem mit einer Zange die Zähne gezogen werden. Ein Kind wird in einen Verbrennungsofen geschoben. Die Kamera zeigt uns den Ofen von innen, Flammen züngeln um das tote Kind. Es sieht aus wie ein durchschnittlicher Slasherfilm.
Jetzt hat Boll die Aufregung und die News, die Schmeling und Maske nicht liefern konnten. Ein Interview im Stern, Berichte auf Welt Online, über 200?000 Aufrufe bei YouTube. In einem Radiogespräch erklärt Uwe Boll, wie er auf Auschwitz gekommen ist. Er hatte gerade „BloodRayne: Das Dritte Reich!“ abgedreht, da dachte er sich, er könne das Setup des Vampirschockers gleich für einen weiteren Film nutzen – „der dann eben mal Auschwitz zeigt, wie es wirklich war.“ Das wirkliche Zeigen liegt Boll wirklich sehr am Herzen. Darum betont er: „Mein Film ist der erste Film, der eigentlich wirklich zeigt, was für’n Massenmord stattgefunden hat.“ Auch im Marketing betritt Uwe Boll Neuland. Sein Schmeling-Film ist der erste Film, der mit den Gaskammern von Auschwitz promotet wird.

Text: Volker Gunske

Foto oben: Werner Dittmair

Foto unten: Hans Rauchensteiner

tip-Bewertung: Uninteressant

Orte und Zeiten: „Max Schmeling“ im Kino in Berlin

Max Schmeling, Deutschland 2010; Regie: Dr. Uwe Boll; Darsteller: Henry Maske (Max Schmeling), Susanne Wuest (Anny Ondra), Heino Ferch (Max Machon); 123 Minuten

Kinostart: 7. Oktober

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