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Im Kino: „Mein Glück“

Mein Glück

Angefangen hat alles mit einem Blick aus dem Fenster. Als der russische Regisseur Sergei Loznitsa Anfang der 90er-Jahre Filmregie in Moskau studierte, fand er zunächst keine Sujets für einen fiktionalen Film. „Ich hatte kein Gespür dafür, was ein Film eigentlich ist. Es gab auch keine Finanzierung für meine Projekte. Das einfachste war, sich selbst zu finanzieren und einen Dokumentarfilm zu drehen. Wir haben praktisch die Kamera aufs Fensterbrett gestellt und aufgenommen, was draußen los war“, erzählt er beim Gespräch in Berlin über die Umstände, die zum Dreh seines ersten Kurzfilmes „Heute bauen wir ein Haus“ (1996) geführt haben. Beeinflusst von dieser Arbeitsweise geht er zunächst weiter auf die Suche nach Orten, an denen Menschen zusammenkommen, für deren kollektiven Zustand er sich interessiert: eine Bahnstation, eine Fabrik, eine Bushaltestelle.
Acht kurze und drei abendfüllende Dokumentarfilme entstehen auf diese Weise, Spuren des Fiktionalen tauchen darin schon auf, ebenso ein ausgeprägter Formwille. Man könnte von einer Topographie der russischen Provinz sprechen oder gar einer Anthropologie, denn aufgezeichnet wird, was, wie er sagt, nur im Moment des Drehs so existiert hat. Für die Volkslieder, die in „Leben, Herbst“ (1998) von alten Menschen gesungen werden, gibt es keine nachwachsende Generation mehr, nur der Film bewahrt sie auf. Zwischen den Drehs werden ihm Geschichten erzählt, Erlebnisse zwischen Willkür und Ausgeliefertsein in einem entfesselten Land, die er sammelt und zu einem ersten Spielfilmdrehbuch verarbeitet: „Mein Glück“, der nun ein halbes Jahr nach seiner Premiere in Cannes seinen regulären Kinostart erlebt.
Mein GlückDie Bewegung des Lastwagenfahrers Georgi durch ein postsowjetisches Hinterland wird darin mit Szenen aus dem zweiten Weltkrieg verwoben. Georgis Reise vollzieht sich dabei gleich der eines Roadmovies entlang von Stationen, die ihn auf verschiedenste Umstände treffen lassen. Loznitsa geht es dabei aber nicht um eine psychologische Entwicklung seiner Hauptfigur hin zu einer inneren Einsicht. Er wollte in Georgi keinen Helden schaffen, sondern den Prozess einer Verrohung aufzeigen. Polizisten, die ohne triftigen Grund Menschen auf der Wache festhalten; Morde, die aus Trägheit und Neid begangen werden; Händel um Geld: gesucht wird immer nach dem eigenen Vorteil, und in diese Spirale wird auch ­Georgi letztlich hineingezogen. „Der erste Teil ist eine bewusste Bewegung Georgis in dieser Umgebung, der zweite Teil eine ­unbewusste. Der Film ist ein Modell, und wenn man beginnt, eines zu entwerfen, sieht man, wie es sich entwickelt. Dann implodiert dieser Raum. Es ist egal, was dazu geführt hat. Das kann auch aus einer Kleinigkeit heraus entstehen: Homo homini lupus, der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“, skizziert Loznitsas Herangehensweise an die parabelhafte ­Ausrichtung, die er seinem Film gegeben hat.
Mein GlückSo verweist „Mein Glück“ nicht nur auf Korruption im heutigen Russland, sondern erzählt die Leidensgeschichte dieses Landes in einer klebrigen Zeit, die zum Teil nur durch Insignien der Moderne unterscheidbar wird und in der immer erwartet werden muss, auf  Gespenster der Vergangenheit zu treffen. In dieses dramaturgische Konstrukt, das auch auf naturwissenschaftlichen Theorien basiert, nach denen Zeit nicht existiert, hat Loznitsa Aspekte aus seiner dokumentarischen Arbeit eintreten lassen: Gesichter, die man im Kino sonst kaum zu sehen bekommt und die hauptsächlich Laiendarstellern gehören, eine Handkamera, die die sie umgebenden Räume fließend erfasst. Dem Zufall wird dabei aber nichts überlassen.
Mein GlückÜber die Entstehung einer Szene, in der sich die Kamera wie in „Landschaft“ (2003) an den Gesichtern einer Menschenansammlung entlang bewegt, berichtet Loznitsa: „Alles war konstruiert bei den Massen­szenen. Wenn man das Gefühl hervorrufen will, etwas sei improvisiert, muss man es ganz genau vorausplanen. Ein halbes Jahr haben wir nach Gesichtern gesucht, die interessant sein könnten, wir hatten 4000 Fotos der Menschen, die in der Gegend lebten. Aus ­dieser Kartei habe ich 250 Menschen aus­gesucht. Dann haben wir den Raum so gestaltet, dass sie sich bewegen ­können, aber trotzdem eine Menschenmenge bilden. Das war eine Aufnahme von viereinhalb Minuten, an der wir zwei Tage gedreht haben,  eine der schwierigsten Szenen des Filmes.“
Irgendwo zwischen Kontrolle und ­Freiheit liegt der filmische Raum, den Loznitsa für den Zuschauer schafft, als würde er einen Rahmen um etwas legen, das schon die ganze Zeit da war, nur aufgefallen ist es nicht. Sein übernächster Film wird möglicherweise in ­Deutschland angesiedelt sein, wo er seit ­einigen Jahren lebt. Auf diesen Blick kann man gespannt sein.

Text: Valerie Bäuerlein

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Mein Glück“ im Kino in Berlin

Mein Glück (My Joy), Deutschland?/?Ukraine?/?Niederlande 2010; Regie: Sergei Loznitsa; Darsteller: Viktor Nemets (Georgy), Wladimir Golowin (Alter Mann), Alexei Wertkow  (Junger Leutnant); 127 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 3. Februar

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