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Im Kino: „In meinem Kopf ein Universum“

In meinem Kopf ein Universum

Das Urteil der Ärztin ist menschlich wie fachlich inkompetent: „Sein Gehirn arbeitet nicht. Sehen sie das nicht? Er ist Gemüse.“
In Wahrheit sind es zwei große Probleme, an denen Mateus laboriert: Das eine sind die Neuronenpfade seines Gehirns. Sie müssten in einem komplexen Zusammenspiel seine Muskeln steuern, aber sie haben sich nicht gesund entwickelt. Zu wenig Sauerstoff bei der Geburt vielleicht oder ein Nährstoffproblem im Uterus. „Cerebrale Parese“ ist der Sammelausdruck für ein Störungsbild, das wie bei Mateus seinen Ausdruck in Spastik und Ataxie findet, in Bewegungsstörungen, die mit Krämpfen einhergehen können – und manchmal auch mit schweren, geistigen Entwicklungshemmungen. Aber eben nur manchmal, nicht notwendigerweise.
Und das ist Mateus’ zweites Problem: Seine Familie sieht nicht, was der Film uns von der ersten Minute an wissen lässt – dass der Held, eingeschlossen in seinen widerspenstigen Körper, ohne die Möglichkeit zu sprechen oder nur geordnet zu deuten, überaus aufmerksam und mit jugendlichem Witz sein Leben reflektiert. Mateus liebt „Titten und Sterne“. In dieser Formel deutet sich schon an, in welchem Ton „In meinem Kopf ein Universum“ hauptsächlich erzählt ist: trocken, lakonisch und auch grotesk. Das schließt Figuren ein, die den Helden benutzen und dennoch ein Segen sein können, weil sie ihn überhaupt ansehen, berühren, erst nehmen.
Dass der Film zugleich eine (musikalisch überdekorierte) Chronik der jüngeren polnischen Geschichte von Solidarnosc bis zum Ende des Kommunismus ist, liegt an den Zeitdimensionen, in denen sich Mateus’ Drama vollzieht. Er braucht (wie sein reales Vorbild) Jahrzehnte, um seine Umwelt begreifen zu lassen, dass er versteht. Die schmerzhafte Spannung, die daraus erwächst, ist beachtlich, ebenso wie der erfrischende Umgang des Films mit jeder anderen Art von Behinderung, die das Leben mitbringen kann.

Text: Robert Weixlbaumer

Foto: MFA+ FilmDistribution e.K.

Orte und Zeiten: „In meinem Kopf ein Universum“ im Kino in Berlin

In meinem Kopf ein Universum (Chce sie zyc), Polen 2013; Regie: Maciej Pieprzyca; Darsteller: Dawid Ogrodnik (Mateusz), Kamil Tkacz (Mateusz, jung), Dorota Kolak (Mutter), Arkadiusz Jakubik (Vater), Helena Sujecka (Matylda); 111 Minuten

Kinostart: Do, 09. April 2015

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