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Im Kino: „Michael“

Michael

„Na komm!“, sind die ersten Worte, ins Dunkel eines Vorstadtverließes gesprochen. Dann schält sich langsam die Kontur eines kleinen Jungen aus dem tiefen Schwarz des Bildes. Die österreichischen Keller haben seit den Fällen Natascha Kampusch und Fritzl einen neuen, entsetzlichen Bedeutungsraum hinzubekommen. Regisseure wie Michael Haneke oder Ulrich Seidl haben lange davor Filme über die Untiefen der österreichischen Seele gedreht, aber erst die Polizeichroniken haben ans Licht gebracht, welch realer Horror in Amstetten oder Strasshof bei Wien lauern kann. Markus Schleinzer nimmt sich in „Michael“ mit formaler Strenge dieser Horrorgeschichten an und macht daraus das Drama eines entführten Kindes und seines Peinigers. Es sind Alltagsbilder aus dem permanenten Ausnahmezustand, die „Michael“ zeigt, mit Leberkäs-Abendessen und Scheinanflügen von Normalität, in denen die Reste eines gewöhnlichen Familienlebens nachhallen: „Darf ich heute fernsehen?“ „Bis neun.“ Aggression und Ohnmacht treffen hinter den heruntergelassenen Rollläden aufeinander, unsichtbar in der Berufswelt des Täters. Es ist ein Bild scheinbarer Normalität, das der Protagonist nach außen projiziert, mit Skiausflügen, für die er sein Opfer in seinem Gefängnis alleine eingesperrt lässt, und Dialogen aus der Sorgloswelt.
Schleinzer hat als Caster einige der wichtigsten Filme von Michael Ha­neke begleitet, und auch sein Debüt erinnert in der Nüchternheit der Szenerien und seiner Erbarmungslosigkeit nicht selten an die Düsternis der Haneke-Welt. Aber das Sujet bringt es mit sich, dass man „Michael“ an sehr hohen Maßstäben messen will. Das Gefühl, dass schon in der Auswahl einer Geschichte um Kindesmissbrauch und Entführung ein spekulatives Moment liegt (Schleinzer konnte seine Festivalkarriere in Cannes beginnen), kann der Film nie ganz ausräumen, auch wenn er zwischendurch zu unerhört starken Momenten findet. Als der Junge mit Grippefieber in eine ganz neue Lebensgefahr zu geraten droht, sucht sein Kerkermeister keine Hilfe, sondern beginnt zuallererst ein Grab auszuheben. Ein schärferes Bild für die unbarmherzige Objektivierung seines Opfers findet „Michael“ nie wieder, aber er zerstreut diese Intensität auch wieder in Anflügen von Slapstick, in Rachemomenten und den düsteren Pointen seines Schlusskapitels.

Text: Robert Weixlbaumer

Foto: Fugu Films

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Michael“ im Kino in Berlin

Michael, Österreich 2011; Regie: Markus Schleinzer; Darsteller: Michael Fuith  (Michael), David Rauchenberger (Wolfgang), Christine Kain (Mutter); 96 Minuten; FSK 16

Kinostart: 26. Januar

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