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Im Kino: „Micmacs – Uns gehört Paris!“

Micmacs - Uns gehört Paris!

Jean-Pierre Jeunet ist, als Privatmensch wie als Filmemacher, ein Sammler. Wie alle guten Sammler betreibt er diese Beschäftigung mit Liebe, Kennerschaft und der Sehnsucht nach Vollständigkeit. Die Drehbücher, die er zusammen mit Guillaume Laurant schreibt, greifen auf ein wohlsortiertes Inventar der Einfälle und Beobachtungen zurück. Voller Lust an der virtuosen Abschweifung reihen sie Episoden aneinander, in denen es den Anschein hat, als wollten sich das Leben und die Fantasie an Einfallsreichtum überbieten.
Micmacs - Uns gehört Paris!Wenn es irgendwann einmal möglich sein sollte, die Zukunft zu sammeln, hätte Jeunet daran allerdings wohl wenig Interesse. Er ist ein Nostalgiker, der davon träumt, das französische Kino der Vorkriegszeit, die Welt von Jacques Prйvert und Marcel Carnй, mit Hilfe neuester Technik wieder aufleben zu lassen. Paris mag er sich kaum anders als sepiafarben vorstellen, seine Dialoge scheinen aus der Zeit gefallen, und Max Steiners Musik zu „Tote schlafen fest“ klingt, als sei sie extra für diesen Film komponiert worden. Es trifft sich prächtig, dass sein neuer Film von der Wiederverwertung handelt und sein wesentlicher Schauplatz eine Schrotthalde ist, auf der unbrauchbar gewordene Gegenstände neuerlich an Wert und Nutzen gewinnen. Wie sehr sich Jeunet auf das Recycling versteht, demonstriert nicht nur der Katalog der filmischen Verweise (von Howard Hawks über Pierre Йtaix bis Sergio Leone), sondern auch die Beharrlichkeit, mit der er in jedem Film das Erzählmuster des kleinen Däumlings erneut variiert.
Auch Bazil (Dany Boon) ist ein solch wackeres Waisenkind im Kampf gegen überlegene Ungeheuer. Sein Leben wurde von der Waffenindustrie aus der Bahn geworfen: Zuerst wurde sein Vater durch eine Landmine getötet (und seine Mutter verlor darüber den Verstand), dann trifft ihn selbst eine verirrte Revolverkugel, die immer noch in seinem Schädel steckt. Auf der Schrotthalde nimmt ihn eine Reihe wundersamer Randexistenzen in ihre Gemeinschaft auf. Diese Truppe ist so sorgfältig ausgewählt wie die sieben Zwerge oder die Spielzeuge in „Toy Story“. Sie tragen sprechende Namen und verfügen über ein spezifisches Talent, das Bazil jeweils strategisch einsetzen kann, als er sich entschließt, den beiden Waffenfabrikanten das Handwerk zu legen, die er für sein Schicksal verantwortlich macht.
Micmacs - Uns gehört Paris!Explizit knüpft Jeunet mit „Micmacs“ an seinen vorangegangenen Film „Mathilde“ an, der während des ersten indus­triell geführten Krieges 1914 bis 1918 spielt. Erfindungsreich und voller Tücke setzt Jeunet sein Arsenal der Fundstücke ein. Handarbeit triumphiert über industrielle Fabrikation, wenn sich die menschliche Kanonenkugel, das Rechengenie, der weibliche Gummimensch und all die anderen verbünden, um die beiden Industriellen gegeneinander auszuspielen. Und falls bei der munteren Sabotage Plan A versagen sollte, hat der Ideensammler Jeunet immer noch einen Plan B in der Hinterhand.

Text: Gerhard Midding

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Micmacs – Uns gehört Paris!“ im Kino in Berlin

Micmacs – Uns gehört Paris! (Micmacs a tire-larigot), Frankreich 2009; Regie: Jean-Pierre Jeunet; Darsteller: Dany Boon (Bazil), Julie Ferrier (Mademoiselle Kautschuk), Andrй Dussollier (Nicolas Thibault de Fenouillet); 104 Minuten

Kinostart: 22. Juli

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