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Im Kino: „Moliиre auf dem Fahrrad“

Solche Filme gedeihen irgendwie nur in Frankreich, diesem Land der „exception culturelle“: Lambert Wilson und Fabrice Luchini spielen zwei männliche Schauspieler in fortgeschrittenem Alter, die sich anderthalb Stunden lang über ein Stück von Moliиre, namentlich den „Menschenfeind“, unterhalten. Sie rezitieren den Text, proben Szenen, streiten sich über die Interpretation und über die Modalitäten einer möglichen Zusammenarbeit bei einer geplanten Neuinszenierung des Stücks. Irgendwann kommt eine Frau ins Spiel, die ein bisschen fleischliche Dynamik hineinbringt, aber zur Hauptsache haben wir es mit platonisch-intellektuellem Eros zu tun. Und mit schönen Bilder von Landschaften und historischen Häusern: Die abgeschiedene Оle de Rй, auf der man sich vorzugsweise per Fahrrad bewegt, bildet den malerischen Hintergrund für dieses hochkulturelle filmische Liebhaberstück, das in Frankreich ein wirklich großer Erfolg war.

Wie sich diese Liebe eines breiten Publikums in Frankreich für die klassische Kultur und ihre schwer zugängliche Sprache erkläre, frage ich Regisseur Philippe Le Guay und Hauptdarsteller Lambert Wilson beim Interview letzten Dezember, als sie den Film auf der Französischen Filmwoche in Berlin vorstellen. Sie seien selbst überrascht gewesen, dass aus ihrer Moliиre-Hommage ein solcher Erfolg wurde, antwortet Wilson. Um dann treuherzig hinzuzufügen: Aber man dürfe nicht unterschätzen, wie viel Freude das Publikum empfinden könne, wenn es die Texte seiner eigenen kulturellen Tradition zu hören bekäme.

Regisseur Le Guay pflichtet bei: Zwar gäbe es auch in Frankreich Aversionen gegen die Klassiker, die als Schulpflichtlektüre in Erinnerung geblieben seien. Aber zugleich sei das Publikum interessiert an experimentellen Formaten, an singulären Projekten, die keiner gängigen Formel entsprächen. „Dieses Rezept-Kino, wie es in den USA betrieben wird, davon haben die Leute auch irgendwann genug.“

Es hätte ihn gereizt, meint Le Guay, Theater und Kino auf quasi organische Weise zusammenzubringen: weder als Verfilmung eines Theaterstückes noch als Dokumentation über Theaterarbeit, sondern als ein Verschmelzen des „Artifiziellen des Theaters mit einer realen filmischen Umgebung“. Die Idee dazu sei ihm gekommen, als er den Schauspieler Fabrice Luchini auf der Оle de Rй besuchte und dieser spontan in Moliиre-Rezitationen ausbrach. „In dem Moment sah ich das Theaterstück im Film und den Film als Theaterstück vor mir.“

Und tatsächlich: Le Guay gelingt eine zwar nicht unvergleichlich neue oder komplexe, aber doch angenehm harmonische Verflechtung der verschiedenen Ebenen. Was im Theaterstück von Moliиre verhandelt wird, nämlich ob es besser sei, kompromisslos ehrlich zu sein oder aber sich sozialen Konventionen anzupassen und menschliche Schwächen mit einer gewissen Gelassenheit hinzunehmen, wird im Film ausführlich diskutiert, aber auch verkörpert. Fabrice Luchini als desillusionierter und zurückgezogener Schauspieler und Lambert Wilson als sein erfolgreicherer Kollege, der ihn aus seinem Quasi-Ruhestand herausholen und für ein gemeinsames Projekt gewinnen möchte, liefern sich sowohl in der Rahmenhandlung als auch in ihren Moliиre-Proben ein schön changierendes Duell, in dem beide abwechselnd den Part des Menschenfeindes übernehmen und in dem sie sich gegenseitig mit Macht zu manipulieren suchen.

Lust, aber auch Komik gewinnt der Film aber nicht nur aus dem Clash zweier männlicher Schauspielerdiven, sondern auch in wesentlichem Maße über die sowohl von den Filmfiguren als auch von den Filmemachern geteilte Freude an der Sprache Moliиres, dieser Sprache, die zugleich „so schwierig und so rein ist“, wie Le Guay festhält. Die Passion für diese Sprache habe am Anfang des Projektes gestanden und Regisseur und seine beiden Hauptdarsteller verbunden. Und diese Passion würden sie gerne auch ihrem Publikum vermitteln. Ob ihnen das in Deutschland ebenso gut gelingt wie in Frankreich, bleibt abzuwarten.

Text: Catherine Newmark

Foto: Alamode Film

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten:„Moliиre auf dem Fahrrad“ im Kino in Berlin

„Moliиre auf dem Fahrrad“ (Alceste а bicyclette)?, Frankreich 2012; Regie: Philippe Le Guay; Darsteller: Fabrice Luchini (Serge Tanneur), Lambert Wilson (Gauthier Valence), Maya Sansa (Francesca); 105 Minuten; FSK 0; Kinostart: 3. April

 

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