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Im Kino: „Museum Hours“ von Jem Cohen

Die Gemälde, Preziosen und Skulpturen im Wiener Kunsthistorischen Museum sind in ihrer verschwenderischen Fülle das Relikt imperialer Macht und zugleich das moderne Kulturkapital, von dem die Stadt heute zehrt. Der New Yorker Filmemacher Jem Cohen hat das monumentale Museum zum Hintergrund eines wendigen Film gemacht, um von dort aus einen erstaunlich stimmigen Blick auf die österreichische Normalität zu werfen. Cohens Hauptfiguren, beide um die 50, treffen zwischen den alten Meistern des KHM aufeinander: Anne (gespielt von der Musikerin Mary Margaret O’Hara) ist eine Kanadierin auf Wien-Besuch aus traurigem Anlass, ihre Cousine liegt im St.-Joseph-Spital im Koma. Johann, der Museumswärter, bietet der Sprach- und Ortsunkundigen freundlich seine Hilfe an. Man sieht ihm seine bewegte Vergangenheit als Musikmanager und Künstlerbetreuer nicht an – es ist eine halbfiktive Biografie, in die sich, wie auch bei O’Hara, Züge der realen Vita des Akteurs Bobby Sommer hineinlegen: „Ich hatte meine lauten Zeiten, jetzt habe ich meine ruhigen“, sagt Johann.
„Museum Hours“ ist ein konzeptueller und zugleich ganz ungekünstelt wirkender Film, eine dokumentarische Fiktion. Zwischen Erfindung und höchster Aufmerksamkeit für konkrete Details erzählt Cohen von der Begegnung zweier Menschen und von den Denk- und Erfahrungsräumen, durch die sie sich bewegen. Die Beobachtungen Johanns zu seiner Museumsarbeit, die als gesprochener Gedankentext immer wieder über den Szenen liegen, stellen auch Verbindungen zwischen dem Kunstwollen von Cranach oder immer wieder Pieter Brueghel d.J. her – und damit auch zu Jem Cohens eigener Liebe zur alltäglichen Miniatur. „Geschichtenerzählen wird überschätzt“, hat der Filmemacher einmal gesagt. Das folgt seiner Überzeugung, dass sich narratives Kino aus anderen Quellen nähren kann als aus dem klassischen, oft formelhaften Storytelling. Sein Film, frei und pointillistisch, bewegt sich lebendig und unberechenbar von einem Bild zum nächsten und bleibt dabei – wie das Leben von Anne und Johann – auf eine besondere Weise spannend.   

Text: Robert Weixlbaumer

Foto: Little Magnet Films

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Museum Hours“ im Kino in Berlin

„Museum Hours“, ?Österreich/USA 2012; Regie: Jem Cohen; Darsteller: Mary Margaret O’Hara (Anne), Bobby Sommer (Johann), Ela Piplits (Gerade Pachner); 107 Minuten; FSK k. A.; Kinostart: 10. April

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