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Im Kino: „My Winnipeg“

My WinnipegAls „melodramatic documentary“ hat Guy Maddin seinen Film bezeichnet. Einen normalen Dokumentarfilm hätte man von ihm auch kaum erwartet, angesichts der überbordenden Fantasie, die für all seine Spielfilme ebenso kennzeichnend ist wie die stilistischen Rückgriffe auf das Stummfilmmelodram.
„My Winnipeg“ verknüpft Geschichten und Ereignisse aus der Vergangenheit von Winnipeg, jener kanadischen Stadt, in der der Filmemacher heute noch lebt, mit der Familiengeschichte des Erzählers. Der trägt zwar den Namen des Regisseurs, wird aber von einem Schauspieler verkörpert. Das überrascht nicht, denn schon vor dem Vorspann erleben wir, dass eine Männerstimme aus dem Off einer alten Dame deren Dialoge vorspricht. Diese Frau wird wiederum später als Guy Maddins Mutter vorgestellt – allein darin wird das Ausmaß deutlich, in dem hier fact und fiction durch­dringen.
Wiederholt greift die Familiengeschichte des Erzählers auf dokumentarische Amateurfilme und Familienfotos zurück, findet ihren Höhepunkt aber erst, wenn sie mit Mitteln einer fiktionalen Rekonstruktion aufgearbeitet wird: Das sei, so erklärt uns der Erzähler, die einzige Möglichkeit, um sich endgültig von seiner dominierenden Mutter zu lösen. Dabei müssen Schauspieler seine Geschwister verkörpern, während die Mutter sich selber spielt. Aber auch dies ist eine Fiktion in der Fiktion, denn die Mutter wird ebenfalls verkörpert von einer Schauspielerin – nämlich von niemand anderem als Ann Savage, die 1947 in Edgar G. Ulmers Film noir „Detour“ als klassische Femme fatale brillierte. Guy Maddin hat sie aus dem Ruhestand geholt und ihr eine Rolle gegeben, in der sie noch einmal etwas von ihrer damaligen Härte zeigen kann.
My WinnipegWas die Geschichten aus der Vergangenheit Winnipegs anbelangt, so sind die meisten von ihnen derart kurios, dass der Zuschauer ihren Wahrheitsgehalt automatisch in Frage stellt. Amüsant sind sie in ihrer Schrägheit allemal, sei es die Geschichte der jährlichen Schatzsuche, bei der der Preis eine Fahrkarte fort aus Winnipeg ist – die aber nie jemand eingelöst hat, weil jeder im Verlauf der Wege durch die Stadt deren Schönheit zu würdigen wusste. Dann gibt es die Anekdote von jenen Taxiunternehmen, die ihre Kunden nur in Nebenstraßen auflesen durften. Und die vielleicht wüsteste Geschichte von den Rennpferden, die einen Winter lang im Eis eingefroren waren, wird sogar mit entsprechenden Fotos belegt. Großes Kino.

Text: Frank Arnold

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „My Winnipeg“ im Kino in Berlin

My Winnipeg, Kanada 2007; Regie: Guy Maddin; Darsteller: Ann Savage (Mutter), Louis Negin (Bürgermeister Cornish), Darcy Fehr (Guy Maddin); 79 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 11. November

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