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Im Kino: „New Moon – Biss zur Mittagsstunde“

Das Vorbild heißt Disney, wer sonst. Wo einst Mickey Mouse und Bambi die Kleinen verzückten, fun­gieren heute inszenierte Kunstfiguren wie die Jonas Brothers, „Hannah Montana“-Star Miley Cyrus und ihre „High School Musical“-Kollegen als Idole und begleiten ihre Fans bis ins Erwachsenenleben. „Verkürzt gesagt, funk­tioniert es wie im alten Studio­system, als die Künstler von Firmen de facto besessen wurden“, sagt es mit Cindy Osbrink eine Agentin juveniler Talente wie Dakota Fanning, „da werden alle Auswertungsrechte übertragen, und es gilt nur: alles oder nichts.“ Über den Disney Channel, der auch schon als Karriere-Startblock für zwischenzeitliche Seelenwracks wie Britney Spears oder Lindsay Lohan fungierte, werden die Allround-Kids in Serien lanciert, um bei hoher Akzeptanz in weiteren Verwertungskanälen gemolken zu werden.
An der Oberfläche ist alles harmlos, hübsch und positiv. Musicals bleiben porentief rein, Drehbücher werden auf ihre Familientauglichkeit abgeklopft (Mutter Cyrus besteht gar auf christliche Autoren), ist ja nur Unterhaltung. Doch wenn dann die „Pre-Teens“ genann­ten Zuschauer an der Schwelle zur Pubertät unweigerlich auch Freuden jenseits des Kinderzimmers entdecken, übernehmen ihre Vorbilder automatisch einen Teil ihrer Erziehung. Firmen wie Disney zwingt das zu einem bizarren Eiertanz. Einerseits müssen sie modernen Lebensalltag abbilden, um nicht den Anschluss an den Zeitgeist zu verlieren. Doch zugleich wird im Land der Puritaner penibel vermieden, die Clearasil-Crowd mit Teufelszeug wie Sex zu verwirren. Die Lösung ist im Fall der drei singenden Jonas Brothers etwa die Erfindung eines Treuerings, deren Träger damit Keuschheit bis zur Ehe signalisieren. Konterkariert wird die unterbewusste Moralpredigt indes durch testosterongeladenes Auftreten, wie es sich für Bühnen-Alphamännchen gehört. Eine jüngere Episode der Satire-Show „South Park“ brachte es gewohnt direkt auf den Punkt: „Die konservativ-christlichen Aktionäre von Disney freuen sich über die reinen Images ihrer Vorzeigekünstler – und sind zu dumm, um zu merken, dass hier alles da­rauf abzielt, Bewegung in die Schlüpfer ihrer Töchter zu bringen.“
Auch die „Twilight“-Serie bedient sich dieser Doppelmoral, flirtet schamlos mit der Fleischeslust und insinuiert Sex letztlich doch als einen Gefahrenbereich, der Beziehungen zerstören und junge Leben beenden kann. Im letzten Teil der Serie werden Bella und Edward eines Tages doch vereint. Aber nur unter der Bedingung, dass sofort ein Kind geboren wird, was einen zur verblüffenden Erkenntnis führt, dass auch 109-jährige Blutsauger noch Spitzensperma produzieren.
Die Schauspieler als ultimative Vorbilder sind derweil angehalten, nicht über solch kontroverse Themen zu sprechen. Andernfalls drohen Strafen, wie der Fall von „High School Musical“-Beauty Vanessa Hudgens zeigte, deren Vertrag zur Disposition stand, als eines Tages private Nacktbilder im Internet kursierten. Einziger Trost: Jeder Kinderstar emanzipiert sich eines Tages, und wenigstens die Auffangsysteme sind heute besser, um Abstürze wie einst bei Drew Barrymore oder Macauley Culkin zu vermeiden. „Wir können nicht ewig Teenager bleiben, so gern das unsere Eltern und Geschäftspartner auch hätten“, sagte Teen-Idol Zac Efron kürzlich nach seinem Ausstieg bei Disney, „und es wird befreiend sein, endlich das Image des immer netten, ausgeglichenen Lieblings ablegen zu können.“

Text: Roland Huschke

Orte und Zeiten: „New Moon – Biss zur Mittagsstunde“ im Kino in Berlin

New Moon – Biss zur Mittagsstunde (Twilight 2: New Moon)
, USA 2009; Regie: Chris Weitz; Darsteller: Kristen Stewart (Bella Swan), Robert Pattinson (Edward Cullen), Taylor Lautner (Jacob Black); Farbe, 131 Minuten

Kinostart: 26. November

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