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Im Kino: „New Moon – Biss zur Mittagsstunde“

Chris Weitz hat keinen Zweifel. „Die Popularität der ‚Twilight‘- Romane und -Filme bei jungen Frauen“, so der Regisseur von „New Moon – Biss zur Mittagsstunde“, „liegt am hohen Identi­fikationspotenzial des Publikums mit der Hauptfigur Bella, die stellvertretend alle Höhen und Tiefen des Teenagerlebens mitmacht. Die übernatürlichen Elemente des Stoffes machen dabei sicher den Reiz des Neuen aus, obwohl wir weitgehend in der Realität verwurzelt bleiben. Doch im Grunde erzählen wir ein klassisches Melodram über verbotene Liebe zwischen Vertretern unterschiedli­cher Gesellschaftsklassen.“
Wie ernst es Weitz mit diesem Gleichnis tatsächlich meint, zeigt schon die erste Minute seines Sequels von Catherine Hardwickes vergleichsweise subtilem „Twilight“, dem ab Sommer 2010 zwei weitere Streifen folgen werden. Erst durch ein Buch an der Seite Bellas (Kristen Stewart), dann durch einen Filmausschnitt wird ostentativ Shakespeares „Romeo & Julia“ ins Bild gerückt. Wohl um auf Bellas suizidale Stimmung vorzubereiten, die kurz darauf von ihrem begehrten Blutsauger Edward (Robert Pattinson) verlassen wird, weil die beiden einander nicht vernaschen können wie ersehnt, so sehr beider Lippen auch zittern mögen vor Lust. Doch es fällt schwer, sich im Folgenden nicht eher an unfreiwilliger Komik zu erfreuen, wenn die Intimität junger Liebe schnöden Marktinteressen geopfert wird. So entledigen sich etwa die männlichen Stars hier ebenso fortwährend wie grundlos ihrer Oberbekleidung, um fettfreie Torsi zu präsentieren. So wichtig war den Filmemachern dieser Aspekt, dass Ko-Star Taylor Lautner, der in seiner Doppelrolle als Pin-up und Werwolf in Edwards Abwesenheit um Bellas Zuneigung buhlt, vor Produktionsbeginn fast gefeuert wurde. Erst, als er sich mit einem radikalen Regiment die gewünschte Muskulatur auflud, war der Part gesichert.
Millionen Mädchen (und manche ihrer Mütter) werden es den Produzenten danken, denn wer die Bücher der Mormonin Stephanie Meyers verschlungen hat, ist auf hemmungsloses Schmachten programmiert. Längst trägt die Vorfreude Züge einer Hysterie. „New Moon“ bricht allerorten Vorverkaufsrekorde. 20.000 Girlies kreischten unlängst bei einem Bühnenauftritt der Schauspieler in München. Und obwohl Robert Pattinson einer Oscar-Nominierung laut „Hollywood Reporter“ erst nahe käme, wenn die beste Performance eines Haargels gewürdigt würde, grenzt sein Aufstieg zum It-Burschen der Branche ans Stratosphärische. Nichts davon geschieht aus Zufall. Vielmehr hat Hollywood in den vergangenen fünf Jahren in weibli­chen Teenagern eine lange vernachlässigte und umsatzstarke Zielgruppe entdeckt, die perfekt an allen Fronten bedient wird. Insbesondere mit attraktiven Projektionsflächen.
Operation Taschengeldklau“ – so könnte die Überschrift für eine Schattenindustrie lauten, die sich im Umfeld jener jungen Stars gebildet hat, die früher das vierte Geschwisterchen in einem Familienfilm abgegeben hätten, aber nun jährlich Millionen umsetzen. In Folge sind inzwischen rund 5000 Mitglieder der amerikanischen Screen Actors Guild unter 18 Jahren alt. Große Agenturen wie CAA oder William Morris wurden vom Trend überrascht und mussten Experten zur Betreuung von Kinderstars anheuern. Managementfirmen knobeln derweil im schöns­ten Business-Sprech sogenannte Plattformsynergien aus, um ihre min­derjährigen Produkte in Funk und Fernsehen, bei Touren und Werbeeinsätzen, auf T-Shirts und endlosem Nippes vermarkten zu können. Der erste „Twilight“-Film spielte im Kino weltweit 375 Millionen Dollar ein, noch einmal halb so viel brachten die zugehörigen Marketing-Artikel. Für „New Moon“ wird mit einer deutlichen Steigerung gerechnet, schon jetzt kündigen sich neue Rekorde an.

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