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Im Kino: „New York Memories“ von Rosa von Praunheim

Anfangs ziehen sie noch mal vorbei: Erinnerungswolken an die glorreichen Siebziger, in denen New York aufblühte mit Disco, Warhol, Queer-Kultur. Die Achtziger, in denen das Aids-Virus den kollektiven Rausch erstarren ließ; die Schwelle zu den Neunzigern, die Rosa von Praunheim schwärmerisch aus dem Off beschreibt.
New York erstrahlt wieder als Gay-Mekka und großes Freiheitsversprechen für Individualisten aller Art. Die schrägsten Partys, der geilste Sex, mein erfolgreichster Film: So fasst der heute 67-Jährige die Ära zusammen. „Überleben in New York“ heißt besagte Doku von 1988, in der von Praunheim eine Handvoll deutscher Glückssucherinnen in der Megacity begleitet.
Wenn sich der Filmemacher nun erneut auf den Weg macht, um deren Sicht auf die Stadt mit der ei­genen zu verzahnen, schwingt zunächst Nostalgie mit. Doch schnell ist der Instinktfilmer ganz in der Stadt, die er vorfindet, und lässt sich von ihrem Rhythmus treiben. Es zeigt sich bald, dass sich der Überlebenskampf in Zeiten von Gentrifizierung und Si­cherheitswahn nicht erüb­­­­­rigt hat.
Die Töchter des Schriftstellers Klaus Poehl etwa, Ex-Nachbarinnen, brodeln vor Schaffensdrang wohl genauso wie einst von Praunheim selbst. Das Finden tauglicher Leitfiguren aber gestaltet sich schwierig mit der Generation der Dreißigjährigen: Das zeigt ein Gespräch mit Living-Theatre-Ikone Judith Malina. Der be­bende Appell der alten Dame an den Rebellengeist der Jugend und die politische Sprengkraft der Kunst wirkt wie ein recht skurriles Echo einer fernen Epoche. Lucie Poehl lauscht gebannt – ehe sie wieder kellnern geht in einer bayrisch getrimmten Touristenfalle. „Sicherheit ist nicht das, wonach ich suche“, stellt auch Claudia Steinberg fest, die von ihrem freien Journalismus leben kann, aber auch gelegentlich auf die Krankenversicherung verzichtet. Als die Gestalttherapeutin Anna Steegmann den Filmemacher durch ihre neue Umgebung in Harlem führt, zeigt von Praunheim das Stadtviertel en passant als Knotenpunkt der Gentrifizierung. Die Kraft der Communities, ob in der Kunst- oder Queer-Szene, zieht im New York der ausgehenden „noughties“, der Nullerjahre, nicht mehr, zumindest nicht auf der Straße. Der zwölfjährige Sohn von Praunheims einstigem Kameramann setzt sich mit seiner Transsexualität denn auch lieber via Youtube im Internet auseinander, als mit den Eltern zur Gay-Parade zu pilgern.
Im oft bewährten Vertrauen auf Zufälle kommt von Praunheim zu einer lebendigen Bestandsaufnahme seiner Lieblingsstadt, in der der Überlebenskampf Sache der Einzelkämpfer geworden ist. Dem grünen Bürgermeisterkandidaten, der mit irrer Föhnwelle, Megafon und Hippie-Botschaften durch die Metro zieht, gibt Claudia Steinberg dann aber doch ihre Stimme. Irgendwo hatte doch mal irgendjemand Veränderung versprochen: „Change“.

Text: Ulrike Rechel

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „New York Memories“ im Kino in Berlin

New York Memories, Deutschland 2010; Regie: Rosa von Praunheim; 92 Minuten

Kinostart: 15. Juli

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