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Im Kino: „No Turning Back“

No Turning Back

Ivan Locke hat sich entschieden: Er wird sich in sein Auto setzen, die Baustelle verlassen und sofort von Birmingham nach London fahren, zu Bethan, um ihr bei der Geburt ihres Kindes beizustehen. Während der nächtlichen Fahrt hat er vieles zu regeln, denn Bethan ist nicht die Ehefrau des verheirateten Familienvaters, auf den an diesem Abend zu Hause seine beiden Söhne und seine Ehefrau Katrina warten, um gemeinsam das Fußballspiel ihres Lieblingsvereins im Fernsehen anzuschauen. Mit Bethan hat der Bauingenieur nur eine einzige Nacht verbracht – alkoholisiert nach einer Betriebsfeier bei einem Auswärtsjob. Seit drei Monaten weiß er von seiner Vaterschaft, das Gespräch mit ?Katrina darüber hat er immer wieder aufgeschoben.
No Turning BackAber das ist nicht das einzige Problem, dem sich Ivan Locke in dieser Nacht zu stellen hat. Auf der Baustelle steht am nächsten Morgen der Betonguss des Fundaments für ein 55-stöckiges Gebäude an, den größten Betonbau in Europa jenseits von Atomkraftwerken und Regierungsgebäuden, wie sein Chef immer wieder stolz verkündet hat. Dafür müssen jede Menge Lastkraftwagen zielgenau eintreffen, die von verschiedenen Werken der Umgebung mit dem Zement kommen, dafür müssen Genehmigungen für Straßensperren vorliegen … Verständlich, dass Lockes Assistent genauso nervös ist wie sein Vorgesetzter, dem die Firmenspitze, irgendwo in den USA, im Nacken sitzt. Auf Ivan Locke, für den dies ebenfalls die größte berufliche Herausforderung seiner Laufbahn bedeutet, konnte er sich bisher verlassen, in all den neun Jahren, die er für das Unternehmen tätig ist – und nun das!
Anderthalb Stunden lang verharrt die Kamera weitgehend auf dem Gesicht von Ivan Locke, seine Gesprächspartner sind nur als Stimmen am Telefon präsent, Rückblenden gibt es nicht. Diese minimalistische Erzählweise ist kein Selbstzweck – vom ersten Augenblick an zieht uns der Film hinein in das Dilemma eines Mannes, der eine schwerwiegende Entscheidung getroffen hat. Diesen Mann verkörpert Tom Hardy: Als Schurke im letzten „Batman“-Film von Christopher Nolan, „The Dark Knight Rises“, verbarg er sein Gesicht die ganze Zeit lang hinter einer Maske, diesmal trägt er einen Vollbart. Der macht seine kantigen Gesichtszüge weicher, das passt zu seiner Sprechweise, die zwar entschlossen ist, dabei aber ruhig und gelassen bleibt, wie aufgeregt sein Gegenüber am anderen Ende der Leitung auch werden mag. Understatement ist der Schlüssel zu dieser Figur, mit der Hardy auch den Gegenentwurf zu all jenen anderen Figuren liefert, die seine Physis in den Vordergrund stellten.
No Turning Back„Mich interessieren starke Persönlichkeiten, die sich in einer schwachen Position befinden, auf die sie reagieren müssen“, sagte Regisseur Steven Knight, als ich ihn bei der Viennale 2013 zum Interview traf. „Meine Theorie ist, dass die Zuschauer vor allem auf die Augen der Figuren gucken. So habe ich mich gefragt, ob es möglich ist, das mit einem einzigen Darsteller zu erreichen. Zudem wollte ich ihn anlegen als den normalsten Menschen in ganz Großbritannien, der den normalsten und langweiligsten Job hat, er arbeitet mit Beton.“
Aus der Konfrontation eines ganz durchschnittlichen Helden mit einer konfliktträchtigen Situation zieht dieser Film seine Kraft – ein Triumph des klassischen Kinos, das keine Spezialeffekte benötigt, sondern zeigt, was ein einziger Darsteller vermag: die Zuschauer anderthalb Stunden lang in seinen Bann zu ziehen und sein moralisches Dilemma mit ihm zu teilen. Ivan Locke hat gute Gründe für sein Verhalten, er will nicht denselben Fehler machen wie sein Vater, der die Familie im Stich ließ, als er selbst noch ganz klein war. Aber würden wir, wie er, in solch einem Moment den Mut haben, Familie und Karriere aufs Spiel zu setzen?

Text: Frank Arnold

Fotos: STUDIOCANAL

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „No Turning Back“ im Kino in Berlin

No Turning Back (Locke), Großbritannien/USA 2013; Regie: Steven Knight; Darsteller: Tom Hardy (Ivan Locke), Ruth Wilson (Katrina), Andrew Scott (Donal); 85 Minuten

Kinostart: 19. Juni

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