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Im Kino: „Nostalgia de la Luz“

Nostalgia de la Luz

Es ist ein magischer Moment, wenn die Zahnräder des gigantischen Teleskops ineinandergreifen und sich die schweren Teile wie von Geisterhand bewegen – als sei die Erde von den Menschen verlassen worden und es wären nur noch die Maschinen geblieben. Kleine Partikel wirbeln durch die Luft und verleihen der Szenerie etwas ganz und gar Unwirkliches. Einen Film über Astronomie scheint dieser Anfang zu verheißen, die Erzählerstimme spricht von der kindlichen Faszination des Regisseurs für die Astronomie. Als Zuschauer, der beim Stichwort Chile eher an den brutalen Militärputsch von 1973 denkt, fragt man sich, ob es zwischen Politik und Weltraum vielleicht Zusammenhänge gibt, zumal der Regisseur von „Nostalgia de la Luz“ kein Unbekannter ist: Patricio Guzmбn kann als der wichtigste Chronist von Demokratie und Diktatur in Chile gelten, er drehte unter anderem den dreiteiligen, kürzlich auf DVD erschienenen Film „Die Schlacht um Chile“ (1975-1979) und den Dokumentarfilm „Salvador
Allende“
(2004). Seine neue Arbeit, gerade mit dem Europäischen Filmpreis als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet, schlägt einen anderen Tonfall an. Wir erfahren, dass Guzmбn seine Leidenschaft mit vielen anderen Chilenen teilt. Schließlich ist der Himmel über der Atacama-Wüste so klar, dass dort immer wieder neue, riesige Teleskope errichtet werden, um den Sternenhimmel zu erforschen.
Astronomen und Archäologen: Der Blick der einen richtet sich nach oben gen Himmel, der der anderen nach unten auf den Boden, das Tor zur Vergangenheit suchen sie beide. Die Atacama-Wüste könnte auch einen Drehort für einen Science-Fiction-Film bilden, der auf einem fernen Planeten spielt. Aber „Nostalgia de la Luz“ holt den Zuschauer immer wieder zurück in die Gegenwart und auf den Boden der neueren chilenischen Geschichte. Denn die Atacama-Wüste birgt Spuren der Militärdiktatur, die Überreste von Konzentrationslagern ebenso wie Knochenreste der hier Ermordeten. So steht das Meditative der Landschaftsaufnahmen neben der Anklage der Frauen, die hier immer noch nach den Knochen ihrer Angehörigen suchen, um Abschied nehmen zu können. Ein bewegender Film, gerade in seiner getra­genen Erzählweise.

Text: Frank Arnold

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Nostalgia de la Luz“ im Kino in Berlin

Nostalgia de la Luz, Frankreich/Chile/Deutschland 2010; Regie: Patricio Guzmбn; 94 Minuten; FSK 12

Kinostart: 23. Dezember

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