Kino & Stream

Im Kino: „Oben ist es still“

Oben ist es still

Helmers Dasein ist geprägt von den immergleichen Ritualen der Pflichterfüllung. Helmer, der Bauer, bestellt den Hof, reinigt routiniert die Melkmaschine, hilft den Schafen bei der Geburt und treibt sie auf den Laster des Schlachters. Mit derselben Könnerschaft der endlosen Wiederholung pflegt Helmer, der Sohn, seinen bettlägerigen Vater, ohne Ekel und ohne Mitgefühl. Der hilflose und nörglige Alte scheint sein Alp zu sein, der ihn am Leben hindert. Eines Tages verfrachtet er ihn ins Obergeschoss, streicht unten die Wände und kauft sich ein großes Bett, das aber halb leer bleiben muss, solange er sich nicht eingesteht, dass er Männer begehrt. Selbst die Esel büxen regelmäßig aus, aber Helmer ist immer auf dem Hof geblieben, in dieser Männerwelt der großen Maschinen und sparsamen Worte, in der Zärtlichkeit dem am Finger saugenden Kälbchen vorbehalten ist. Regisseurin Nanouk Leopold nimmt, trotz stilistischer Unterschiede, in ihrer Verfilmung des erfolgreichen Romans von Gerbrand Bakker wieder die protokollierende Haltung ein, mit der sie schon Sandra Hüller in „The Brownian Movement“ durch abgründige erotische Experimente begleitete. In der kargen Welt von „Oben ist es still“ führt die Verweigerung psychologischer Annäherung allerdings zu einem teilnahmslosen, lethargischen Erzählmodus, in dem die tragikomischen Momente kaum Wirkung entfalten. Dass trotzdem Kraft und Spannung in diese Elegie eines fast vergeudeten Lebens kommt, ist dem großen Jeroen Willems zu verdanken, der im Dezember 2012 völlig überraschend mit nur 50 Jahren einem Herzanfall erlag. Er spielt Helmer als Eingeschlossenen, der zugleich vom eigenen Körper ausgeschlossen ist. So kann er nicht auf die schüchternen Avancen des bärtigen Milchfahrers eingehen, und erst der erotische Leichtsinn des jungen Knechts Henk lässt ihn erfahren, dass die Welt ihn nicht dafür straft, er selbst zu sein. Diese Begegnung hat keine Dauer und löst doch Helmers Panzer, lässt ihn den eigenen Körper als herausgehoben aus den Zweckzusammenhängen seines Lebens erfahren. Diese späte Selbstentdeckung macht ihn erst zur eigenständigen Person, die anders ist als nur der Sohn. Mit der Befreiung wird dann auch ein menschlicher, mitfühlender Blick auf den Vater möglich.

Text: Stella Donata Haag

Foto: Victor Arnolds / Salzgeber

tip-Bewertung: Annehmbar

Orte und Zeiten: „Oben ist es still“ im Kino in Berlin

Oben ist es still (Boven is het stil), Niederlande/Deutschland 2013; Regie: Nanouk Leopold; Darsteller: Jeroen Willems (Helmer), Henri Garcin (Vater), Wim Opbrouck (Milchfahrer); 93 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 13. Juni

Mehr über Cookies erfahren