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Im Kino: „Only Lovers Left Alive“ von Jim Jarmusch

Only Lovers Left Alive

Der angespitzte Holzpflock hat ausgedient, er wird im Zweifelsfall durch ein Schusswaffenprojektil ersetzt, aus erlesenem Hartholz natürlich. Auch das traditionelle Blutsaugen ist nicht mehr wirklich angesagt, denn wie sagt Protagonistin Eve (Tilda Swinton) hier so schön: „Das ist ja wohl so was von 14. Jahrhundert.“ Man muss im Krankenhaus eben nur die Ärzte mit den Blutkonserven kennen – und schon kann man den größten Teil seiner Zeit anderen und wichtigeren Dingen widmen. Wissenschaft, Kunst und Musik zum Beispiel. Und der Liebe natürlich, denn schließlich heißt Jim Jarmuschs neuer Film nicht umsonst „Only Lovers Left Alive“. Seine Hauptfiguren, das sind Adam (Tom Hiddleston) und Eve, Vampire mit verfeinerten Manieren und erstklassiger Bildung, ein zeitloses Paar seit Jahrhunderten, das zu Beginn der Handlung eine moderne, sehr legere Fernbeziehung per Skype pflegt.
Der melancholische Nostalgiker Adam widmet sich in der vom Verfall gezeichneten Ex-Autostadt Detroit in der Abgeschiedenheit seines mit alten Instrumenten und Aufnahmegeräten vollgestopften Hauses vornehmlich der psychedelischen Rockmusik. Die forschere Eve hat sich hingegen im Beatnik-Mekka Tanger eingerichtet, wo zu ihren besten Freunden zwar nicht William Burroughs gehört, dafür aber der Dramatiker Christopher Marlowe (John Hurt), der im 16. Jahrhundert noch den „Hamlet“ schrieb, ihn anschließend einem untalentierten Idioten namens William Shakespeare unterschob und heute sehr prosaisch den Blutkonservennachschub in der Region sichert. Als Eve jedoch bei Adam suizidale Gedanken vermutet, zögert sie keine Sekunde, nach Detroit zu reisen.
Wer Jarmuschs Filme kennt, der weiß, dass das folgende Zusammentreffen keineswegs hektische Aktivitäten auslösen wird, sondern bestenfalls eine überaus lakonische Vertiefung der zuvor angesprochenen Themen bedeutet, von denen man annehmen darf, dass sie dem Regisseur selbst besonders am Herzen liegen: Da wird die handwerkliche Präzision einer alten Gibson-Gitarre bewundert, im Vorüberfahren Jack Whites Geburtshaus angesehen oder einer Rocka-billy-Platte von Charlie Feathers gelauscht.
Die hoch- und popkulturellen Zitate und Verweise des Films sind zahllos und dabei so kunstvoll miteinander verwoben, wie sie letztlich doch auch stets zugänglich und unterhaltsam bleiben. Und immer, wenn doch einmal die prätentiöse Melancholie lauert, die der nostalgischen, wohlfeilen Kritik an der öden modernen Zivilisation meist innewohnt, wartet der Film mit gutem Timing mit einem kleinen, lockeren Scherz auf: mit leckerem Blut am Stiel etwa oder Eves trockener Entgegnung auf die Klage ihrer Schwester Ava (Mia Wasikowska), ihr sei nach einem ausgiebigen Blutmahl, dem leider Ian (Anton Yelchin), Adams menschlicher Kontakt zur Außenwelt, zum Opfer gefallen ist, furchtbar schlecht: „Was hast du erwartet? Der Typ war im Musikbusiness tätig!“
Ava, die flippige, nervige Verwandte („Sie hat fast das ganze 0-positiv ausgesoffen!“) und die von ihr hinterlassene Leiche werden Adam und Eve schließlich zu  Handlungen zwingen, die sie mit ihren Ansprüchen kaum mehr in Einklang bringen können. Aber das ist dann schon ein anderer Vampirfilm, und nicht mehr der von Jim Jarmusch.

Text: Lars Penning

Foto: Gordon A Timpen – GORDON Photography / Pandora Film / SMPSP

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Only Lovers Left Alive“ im Kino in Berlin

Only Lovers Left Alive, ?Deutschland/Großbritannien/Frankreich/Zypern 2013; Regie: Jim Jarmusch; Darsteller: Tom Hiddleston (Adam), Tilda ?Swinton (Eve), Mia Wasikowska (Ava); 123 Minuten; FSK 12

Kinostart: 25. Dezember


Hinter der Kulisse?

Bei Jim Jarmusch könnte man manchmal meinen, er wäre schon immer da gewesen. Diese Besonderheit teilt er mit den Protagonisten seines Vampirfilms „Only Lovers Left Alive“, dessentwegen der Pate des amerikanischen Independentkinos an einem Oktobertag im Soho House Interviews gab. Wie eine graue Eminenz thront Jarmusch auf einer roten Plüschcouch und wirkt dabei kaum älter als vor 20 Jahren, als er sich mit „Dead Man“ erstmals an einem großen Genre abarbeitete. „Genres“, entgegnet er höflich, „sind lediglich ein Ausgangspunkt für meine Geschichten, wie die Skizze eines Bildes. Ich bin ein Nerd, natürlich liebe ich Vampirfilme. Aber ich mag Genres vor allem, wenn ich sie in etwas Eigenes transformieren kann.“
Allerdings ist es auch für einen allseits verehrten Veteranen wie Jarmusch inzwischen zunehmend schwieriger, seine Filmprojekte zu realisieren. „Only Lovers Left Alive“ ist da ein gutes Beispiel: Finanziert wurde der Film von den üblichen Verdächtigen der deutschen Förderlandschaft sowie mit englischem und griechischem Geld. Jarmusch nimmt seine gegenwärtige Situation gelassen hin: „In den USA ist es inzwischen unvorstellbar schwierig, einen unabhängigen Film zu finanzieren. Ich habe sieben Jahre für diesen gebraucht. Film scheint nicht mehr der leichteste Weg zu sein, sich künstlerisch zu verwirklichen. Darum habe ich mich in letzter Zeit auch wieder verstärkt der Musik zugewandt.“
Musik ist seit seinen Anfangstagen in der East-Village-Kunstszene eine alte Leidenschaft Jarmuschs. Gerade hat er eine Dokumentation über die Protopunks The Stooges um Rampensau Iggy Pop fertiggestellt – wie seine Hauptfigur Adam ein Schattengewächs der Motorcity Detroit, die in „Only Lovers Left Alive“ eine prominente Rolle spielt. Jarmusch ist ein Haptiker. Es fasziniert ihn, wenn Geschichte greifbar wird. „Als ich im Frühjahr zur Postproduktion von ‚Only Lovers Left Alive‘ in Berlin war“, erinnert er sich, „habe ich mir abends einmal die Beine auf der Oranienstraße vertreten. Plötzlich stand ich vor dem SO36. Ich war überrascht, dass es den Laden überhaupt noch gibt. Als ich in den Achtzigern während meines DAAD-Stipendiums ein paar Monate in der Stadt lebte, hab ich im SO36 so manche Nacht verbracht. Ich fragte den Türsteher also, ob ich mal kurz reingucken könnte. Und was soll ich sagen: Es sieht da drinnen immer noch aus wie früher.“ Dasselbe gilt im Grunde auch für jeden neuen Jim-Jarmusch-Film.

Text: Andreas Busche

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