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Im Kino: „Oscar Niemeyer – Das Leben ist ein Hauch“

Oscar Niemeyer - Das Leben ist ein Hauch„Wenn man nur die Funktion erfüllt, wird das Ergebnis eben scheiße.“ Starke Worte, verkündet vom brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer, seines Zeichens einer der wichtigsten Baumeister der klassischen Moderne – und auch der letzte noch lebende seiner Generation, Mitte Dezember wurde er gerade 102 Jahre alt. Die Idee des Seriellen, wie sie etwa vom Bauhaus vertreten wurde, war nie seine Sache: Für Niemeyer muss Architektur immer auch etwas Schönes und Überraschendes haben. Legendär ist seine Abneigung gegen den rechten Winkel und die gerade Linie, und so erweiterte er die Formensprache der Moderne um die Kurve und die geschwungene Linie – inspiriert von den Berglandschaften seiner Heimat, dem Körper schöner Frauen und dem gekrümmten Universum Einsteins.
Mit Niemeyer wurde die moderne Architektur „luftiger“, stets war der unbebaute Raum für ihn so wichtig wie der bebaute. In der Dokumentation „Oscar Niemeyer – Das Leben ist ein Hauch“ von Fabiano Maciel und Sacha zitiert der Architekt folgerichtig den Dichter Rilke: „Wenn man einen Wald betrachtet, sieht man nicht nur die Bäume, sondern auch den Raum dazwischen.“ In ihrem in zehnjähriger Arbeit entstandenen Porträt lassen die Regisseure vornehmlich Niemeyer selbst erzählen, zeichnen und erklären: So sieht man nicht nur die wichtigsten Bauten seiner langen und produktiven Karriere (unter anderem das Verlagshaus Mondadori in Mailand, das Haus der Kultur in Le Havre und das Museum für zeitgenössische Kunst in Niterуi), sondern erfährt auch aus erster Hand, was er sich dabei gedacht hat.
Für den Marxisten Niemeyer, der Ende der 1950er-Jahre die öffentlichen Gebäude der komplett am Reißbrett entstandenen brasilianischen Hauptstadt Brasilia entwarf, weist Architektur stets in die Zukunft: „Denkmale muss man kontrastieren, nicht kopieren“, sagt das Genie und meint mit Denkmalen nicht Reiterstandbilder, sondern die europäischen Kathedralen und Schlösser. Damit bleibt seine Stimme auch in aktuellen Architekturdebatten wichtig. Die Verfechter einer Rekonstruktionsarchitektur, die Berlin und Potsdam mit sinnlosen Schloss­attrappen vollstellen wollen, sollten sich diesen Film zu Gemüte führen, um zu sehen, wie attraktiv (und notwendig) gute moderne Architektur wirklich sein kann.

Text: Lars Penning

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Oscar Niemeyer – Das Leben ist ein Hauch“ im Kino in Berlin

Oscar Niemeyer – Das Leben ist ein Hauch (Oscar Niemeyer – A vida й um sopro), Brasilien 2007; Regie: Fabiano Maciel und Sacha; Farbe, 85 Minuten

Kinostart: 14. Januar

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