Kino & Stream

Im Kino: „Paradies: Glaube“ von Ulrich Seidl

Paradies_Glaube_3_c_UlrichSeidlFilmProduktionEine Wandermuttergottes ist eine Statue der Jungfrau Maria, die zu missionarischen oder erbaulichen Zwecken von Haus zu Haus getragen wird. Mal steht sie da eine Weile herum, mal dort, überall soll sie Segen bringen und vielleicht neuen Glauben. Anna Maria, die Hauptfigur in Ulrich Seidls „Paradies: Glaube“, läutet gelegentlich an einer Tür und betritt dann schnurstracks fremde Räume. Warum auch nicht, sie hat ja nur die besten Absichten! Dass es mit ihrer Frömmigkeit eine besondere Bewandtnis hat, hat Ulrich Seidl davor schon ästhetisch deutlich gemacht. Er hat Maria Hofstätter, die seit „Hundstage“ zum Star-Ensemble des österreichischen Regisseurs gehört, nämlich in eine streng komponierte Welt gestellt, sodass unübersehbar ist, was Religion hier auch meint – ein System der Ordnung nämlich, das es erlaubt, dem Chaos in der Welt draußen etwas Individuelles entgegenzusetzen.

Abends auf dem Weg von der S-Bahn nach Hause kann es vorkommen, dass Anna Maria eine Orgie hinter Büschen bemerkt. Zu wem sollte sie mit diesen Eindrücken gehen, wenn nicht zu ihrem Herrn Jesus, der meistens bildmittig am Kreuz hängt? Glauben reimt sich auch für Anna Maria auf Krise und Seidl konfrontiert sie schließlich mit einer Person aus der Vergangenheit, die sehr klar in verschiedenster Hinsicht das Andere des latent zwangsneurotischen Regimes von Anna Maria darstellt. Hier könnte ein offener Weg beginnen, wie ihn die Sextouristin Teresa in „Paradies: Liebe“ geht, zu dem Seidl hier den zweiten Teil einer Trilogie veröffentlicht, die demnächst mit „Paradies: Hoffnung“ schließen soll. Doch in der Welt des Glaubens gelten die Gesetze des Seidl-­Universums wieder ungebrochen. Anna Maria darf allenfalls für ein paar improvisierte Szenen, unter anderem mit Renй Rupnik („Der Busenfreund“), das Reich der strengen Kompositionen verlassen, sodass am Ende nicht mehr ganz klar wird, ob sie es ist, die sich da in ihrem eigenen Sicherheitsbedürfnis religiös verbarrikadiert hat, oder ob sie nicht doch auch ein wenig unter dem Schematismus leidet, mit dem Seidl seinen Begriff von Religion mit der leidensbereiten Schauspielerin Maria Hofstätter auch gegen mögliche Erfahrungshorizonte einfach durchsetzt.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Ulrich Seidl Film Produktion

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Paradies: Glaube“ im Kino in Berlin

Paradies: Glaube Österreich/Deutschland/Frankreich 2012; Regie: Ulrich Seidl; Darsteller: Maria Hofstätter (Anna Maria), Nabil Saleh (Nabil), Natalija Baranova; 114 Minuten; FSK 16; Kinostart: 21. März

Mehr über Cookies erfahren