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Im Kino: Paul Thomas Andersons „The Master“

The_Master_12_c_SenatorFilmVerleihAls der amerikanische Soldat Freddie Quell aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkommt, muss er erst einmal zum Psychologen. Der gute Mann legt ihm die berühmten Farbkleckse vor, und Freddie sieht beim Rorschach-Test überall nur „pussy“. Damit ist schon einmal klar, dass er nicht ganz im Lot ist. Denn wer immer nur an Sex denkt, hat vielleicht ein Problem damit. Und so scheint es auch tatsächlich zu sein, denn wenig später hat Freddie schon ein Rendezvous, doch am Abend im Restaurant schläft er an der Seite seiner Begleiterin einfach ein. Er macht dann noch eine große Szene in dem Kaufhaus, in dem er Arbeit als Fotograf gefunden hat, und schon ist er wieder unterwegs: Freddie Quell, ein „man on the run“, ein Mann auf der Suche nach einer Aufgabe, einem Fixpunkt im Leben, einem Erlebnis, das seine innere Unruhe besänftigen könnte.

In Paul Thomas Andersons neuem Film „The Master“ spielt Joaquin Phoenix diese Hauptfigur auf eine zugleich abgründige und spektakuläre Weise. In seinem ausgemergelten Gesicht, in dem jede Furche einzeln beweglich erscheint, steht etwas geschrieben, was nur ein Mann entziffern kann, der der verrückten Wissenschaft nicht abgeneigt ist. Lancaster Dodd ist dieser Mann, und Philip Seymour Hoffman verkörpert ihn: einen Charismatiker mit gebieterischem Bass, einen Tausendsassa der Welterklärung, eine Führerfigur mit wachsender Anhängerschaft. Lancaster Dodd steht einer Bewegung vor, die sich „The Cause“ nennt und irgendwo zwischen Psychotherapie und Zivilisationstheorie ihren verwegenen Ort hat.

Die Szene, in der Freddie Quell an Lancaster Dodd gerät, ist einne der besten in „The Master“: In San Francisco liegt ein Schiff vor Anker, auf dem sich eine festliche Gesellschaft gerade zum Ablegen bereit macht. Freddie geht einfach an Bord und versucht erst gar nicht, als blinder Passagier durchzukommen. Er wird alsbald entdeckt, und zwar in mehr als nur einem Sinn. Denn Lancaster Dodd sieht etwas in ihm – einen idealen Patienten, aber auch ein Faktotum, einen persönlichen Assistenten (der ihm auch mörderische Drinks mixt) und eine Alternative zu den drögen Leuten, von denen Dodd sonst so umgeben ist. Zwei Übermenschen treffen da aufeinander, die allerdings beide ziemlich durch den Wind sind.

The_Master_11_c_PhilBray_SenatorFilmVerleihVier Jahre hat Paul Thomas Anderson sich für dieses lange von Gerüchten umgebene Projekt Zeit genommen. Die Aufmerksamkeit wäre dem Regisseur von „Magnolia“ und „There Will Be Blood“ ohnehin sicher gewesen. Doch bei „The Master“ geht es auf eine verklausulierte Weise um L. Ron Hubbard, den Begründer der in Hollywood nicht unwichtigen, psychotechnischen Retortenreligion „Scientology“. Und deswegen waren vorab viele besonders neugierig. „The Master“ ist nun aber keineswegs eine fiktionale Verschlüsselung des tatsächlichen Entstehens von Hubbards Weltanschauung geworden, sondern eine sehr offene Studie über psychische Macht und stärker noch über die Widerstände des Neurotischen.

Zwischen Freddie und Dodd entsteht so etwas wie eine männerbündlerische Sonderfreundschaft, die zugleich ein seelisches Kräftemessen ist. Und rund um die schauspielerisch intensiven Duelle der beiden erzählt Anderson in verhalten satirischer Weise die Fortschritte von „The Cause“, die natürlich hauptsächlich darin bestehen, reichen Frauen wie Helen Sullivan (Laura Dern) das Geld aus der Tasche zu ziehen und sie mit begrifflichen Unschärfen zwischen „Erinnerung“ und „Vorstellung“ zu verunsichern.

Der Film bleibt dabei die ganze Zeit merkwürdig introvertiert, aus der amerikanischen Nachkriegswelt dringt kaum etwas in das hermetische Universum von „The Master“, das Anderson allerdings mit allen Kunstgriffen seines eklektischen Kinomodernismus ausschmückt: Ein toller Soundtrack, klug gewählte Songs („Get Thee Behind Me Satan“ von Irving Berlin), eine geschmeidige, intelligent geführte Kamera sowie die Wahl von 65mm-Film als Ausgangsmaterial zeugen davon, dass Anderson an seiner ästhetischen Ambition keine Abstriche macht.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Senator Filmverleih, Phil Bray (Mitte)

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „The Master“ im Kino in Berlin

The Master USA 2012; Regie: Paul Thomas Anderson; Darsteller: Joaquin Phoenix (Freddie Quell), Philip Seymour Hoffman (Lancaster Dodd), Amy Adams (Peggy Dodd); 137 Minuten; FSK k.A.; Kinostart: 21. Februar

 

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