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Im Kino: „Phoenix“ von Christian Petzold

Phoenix

„Ich muss dir jetzt ein bisschen wehtun“, sagt der Musiker Johannes zu einer Frau, die er Schritt für Schritt zu einem Ebenbild seiner früheren Ehefrau Nelly Lenz umgestaltet hat. Er greift schon zum Messer, um ihr einen Schnitt beizubringen. Der Schnitt soll eine Narbe hinterlassen, wo bei Nelly eine Nummer sein müsste. Eine Nummer, wie sie Menschen in den Konzentrationslagern eintätowiert bekamen.    
Was Johnny nicht weiß: Die Frau, die seiner Nelly so ähnlich sieht, dass er sie für einen üblen Akt von Erbschleicherei und das dafür nötige Schmierentheater einspannen will, ist in Wahrheit Nelly selbst. Er erkennt sie nur nicht wieder. Denn Nelly hat ihr Gesicht verloren, und Johnny ist zudem mit Blindheit geschlagen. Mit einer Blindheit, die er mit vielen teilt, die sich unter dem nationalsozialistischen Regime schuldig gemacht haben. ?Die entscheidende Pointe in Christian Petzolds Film „Phoenix“ klingt auf den ersten Blick kompliziert, und sie ist bei näherem Hinsehen geradezu unendlich komplex in ihrer Dramaturgie von Begehren und Verkennen. Aber erzählt wird alles ganz klar und einfach.
PhoenixZwei Frauen passieren zu Beginn einen amerikanischen Kontrollposten vor Berlin: Lene (Nina Kunzendorf) sitzt am Steuer. Neben ihr sitzt eine Frau mit bandagiertem Gesicht. Der Soldat verlangt, dass sie die Bandagen abnimmt. Lene rät ihm dringend, auf diese Entblößung zu verzichten, doch er besteht darauf. Was er dann sieht, das zeigt Petzold nicht. Vielmehr lässt er uns im Gesicht des Soldaten lesen.    
Der Effekt ist grundlegend für den ganzen Film: Das, worum es eigentlich geht, die Erfahrung der Lager, der Tod, dem Nelly nur ganz knapp und um den Preis eines zerschossenen Gesichts entronnen ist, zeigt sich hier immer nur indirekt. ?Unmittelbar ist nur der Wunsch von Nelly, die Geschichte ungeschehen zu machen. Sie möchte nur eines: zurück zu dem Mann, den sie liebt, der sie bis ins Jahr 1944 in Berlin versteckt hatte, der Mann, von dem sie nicht glauben will, dass er sie verraten haben könnte. Dieser Mann ist Johnny, ein Musiker, der nun, nach der Stunde null des Jahres 1945, wieder Johannes genannt werden möchte. ?Denn Johnny, das weiß auch er, war er vor allem für Nelly.    
Und Nelly ist tot, es kann nicht anders sein, und gerade dann nicht, wenn sie ihm leibhaftig gegenübersteht – eine Frau, deren Gesicht von einem Chirurgen wiederhergestellt wurde, allerdings nicht so, dass Nelly genauso aussieht wie vorher. Wie könnte sie auch! Sie kommt doch aus dem Reich der Toten.
Die Geschichte von Nelly Lenz ließe sich auch als Zombiefilm erzählen, doch Christian Petzold und sein Koautor und dramaturgischer Berater, der kürzlich verstorbene Harun Farocki, spielen deutlich auf einen der berühmtesten Filme überhaupt an: auf „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“ von Alfred Hitchcock. Dort geht es um einen Detektiv, der eine Frau trifft, die seiner verstorbenen Geliebten verblüffend ähnelt.
Phoenix„Phoenix“ ist kein Remake von „Vertigo“, schon deswegen nicht, weil die eigentliche Story auf einem französischen Kriminalroman mit dem deutschen Titel „Der Asche entstiegen“ beruht. Aber Petzold arbeitet mit den Motiven, die er anderen Werken entnimmt, und passt sie in einer äußerst präzisen Weise an seine Erzählung an, die gerade davon lebt, dass das Zweideutige sich ständig eindeutig auflöst.    
Doch just in dem Moment, in dem es so aussieht, erschließt sich eine neue Facette, und schon tun sich wieder die Abgründe auf. Im Kern geht es in „Phoenix“ um eine Vergangenheitsbewältigung, die hier grundlegend von der Seite des Opfers aus gedacht wird. Erst wenn man sich diesen Umstand klarmacht, wird deutlich, wie selten das in Deutschland geschehen ist, einem Land, dem es nun wirklich nicht an Filmen zu den Themen Nationalsozialismus und Judenvernichtung mangelt. „Phoenix“ schließt nun tatsächlich, fast 70 Jahre nach den ersten Trümmerfilmen, eine Lücke.
Nelly Lenz und ihr Johannes, das ist in der äußersten und persönlichen Verdichtung jene Beziehung, die danach alsbald auf diplomatische Beziehungen mit dem Staat Israel oder auf Entschädigungszahlungen an Verbände hin abstrahiert wurde. Dass Nelly und Johannes nicht einfach Opfer und Täter sind, sondern dass Liebe es ist (oder war), was sie ursprünglich verband, macht die Sache nicht melodramatisch, sondern führt in das Innerste des schwierigen Verhältnisses zwischen Deutschen und Juden.
In einem berühmten Buch wurde den Nachkriegsdeutschen diagnostiziert, sie litten unter einer Unfähigkeit zu trauern. Diese Unfähigkeit nimmt Christian Petzold mit „Phoenix“ in den Blick, indem er zeigt, dass auch die Opfer sich schwertaten mit dem Trauern. Die, die überlebt hatten, mussten erst einmal wieder herausfinden, wer sie eigentlich waren.

Text: Bert Rebhandl

Fotos: Christian Schulz / Schrammfilm

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Phoenix“ im Kino in Berlin

Phoenix, Deutschland 2014; Regie: Christian Petzold; Darsteller: Nina Hoss (Nelly Lenz), Nina Kunzendorf (Lene Winter), Ronald Zehrfeld (Johannes); 98 Min.

Kinostart: Do, 25. September 2014

Drei weitere Filme zum Thema:
„Der Verlorene“ (Peter Lorre, 1951) Der markante Schauspieler Lorre erzählt in seiner einzigen Regiearbeit von einem Arzt, der in einem Flüchtlingslager arbeitet und durch eine Begegnung auf seine Zeit als NS-Biologe verwiesen wird. Herausragend.
„Die Ehe der Maria Braun“ (Rainer Werner Fassbinder, 1979) In diesem kontroversen Wirtschaftswunderfilm sind die Deutschen mit ihrer Geschichte allein, denn Maria Braun (Hanna Schygulla) wartet vergeblich auf die Rückkehr ihres Hermann.
„Der Nachtportier“ (Liliana Cavani, 1974) Opfer und Täter aus einem KZ treffen einander zwölf Jahre nach der Befreiung, es beginnt eine sadomasochistische Beziehung.

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