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Im Kino: „Please Give“

Please Give

New York ist bekanntlich ein guter Nährboden für allerlei Neurosen. Das Kino schien sich aber zuletzt nur für die Reichen und Schönen von Manhattan zu interessieren. In „Please Give“ ist das anders. Die sechs Großstädter, die hier Tür an Tür wohnen,
gehören zwar der betuchten weißen Schicht an. Im Mittelpunkt steht Catherine Keener als kluge Familienmutter Kate, die gemeinsam mit dem Ehemann einen teuren Retro-Möbel-Shop führt. Doch Nicole Holofcener inszeniert New York in ihrem vierten Großstadtfilm nicht als glamourösen Ort markanter Straßenkreuzungen und Edel-Spas; spannender findet sie das unspektakuläre Leben hinter den Fassaden und unter gewöhnlich verkrachten Nachbarn. Keeners Vorzeigefamilie knüpft höflichen Kontakt zur galligen alten Dame nebenan, die dort mit zwei erwachsenen Enkeltöchtern lebt. Das Paar hat die Wohnung der Alten gekauft – deren Ableben ist somit schnöde einkalkuliert. Eine unschöne Wahrheit, die Kate plötzlich moralisch wurmt.
Irgendwie schäbig findet sie nun auch den eigenen Job: Profit zu machen mit Möbeln aus den Nachlässen Verstorbener. So übt die Endvierzigerin verzweifelt Sublimation als Gutmensch, verteilt Dollarscheine oder auch mal ihren Chanel-Lippenstift an Obdachlose. Der rustikaler veranlagte Ehemann (Oliver Platt) nutzt seine Freiräume derweil, um sich mit einem Date abzulenken, die Teenie-Tochter plagt sich mit Akne und ist auf das eigene Spiegelbild fixiert. Wie jeder für sich eine Form des Egotripps verfolgt, verzeichnet der Film genau, doch nicht hämisch. Wunderbar komisch ist es etwa, wenn Keener beim Verlassen eines Restaurants einem älteren Afroamerikaner fürsorglich die eingepackten Reste anbietet. Der wartet aber bloß selbst auf einen Tisch im Lokal.
Holofceners zwischen Selbstgerechtigkeit und Selbstaufgabe lavierende Figuren wirken nie lächerlich; was zum einen an glänzenden Darstellerleistungen liegt: allen voran Keener, die ihre widersprüchliche Rolle mit gewohnt feinem Humor würzt. Selbst vordergründig einfach gestrickte Charaktere offenbaren tiefere Facetten. „Please Give“ setzt konsequent auf eine Palette der Zwischentöne und hebt sich damit wohltuend und erfrischend ab von den üblichen Yuppie-Komödien.

Text: Ulrike Rechel

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Please Give“ im Kino in Berlin

Please Give, USA 2010; Regie: Nicole Holofcener; Darsteller: Catherine Keener (Kate), Oliver Platt (Alex), Rebecca Hall (Rebecca); 90 Minuten

Kinostart: 8. Juli

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