Kino & Stream

Im Kino: „Police, Adjective“

Police, Adjective

Dass ein Schüler auf dem Weg zum Unterricht noch schnell einen Joint raucht, kommt in den besten Familien (und in den besten Ländern) vor. In Rumänien aber macht ein junger Mensch sich damit strafbar, und wenn man Corneliu Porumboius Film „Police, Adjective“ glauben darf, dann hat die Polizei in einer Provinzstadt wie Vaslui auch viel Zeit, um den Drogenkonsum zu überwachen und schließlich zu unterbinden. Cristi heißt der Polizist, selbst noch ein relativ junger Mann, der mit einer Beschattungsaktion betraut wird. Er folgt einem Schüler namens Victor quer durch die Stadt, hebt dessen weggeworfene Zigarettenstummel auf, riecht daran und sieht aus sicherer Distanz zu, wenn sein Fahndungs­objekt auf dem Hof vor einem Kindergarten ahnungslos mit einem Freund und einer Freundin Cannabis raucht.
Cristi ist von seiner Aufgabe nicht so richtig überzeugt. Er hat das Gefühl, dass der Drogenkonsum von Victor harmlos ist. Allenfalls gibt er manchmal einem Freund ein bisschen Stoff, aber er dealt nicht, und er scheint auch nicht die Quelle für die illegalen Substanzen zu sein. Über weite Strecken des Films sehen wir Cristi, wie er auf der Straße herumsteht und auf Hauseingänge blickt, wie er abends nach Hause kommt und ein langes Gespräch mit seiner Frau führt (in dem es um rumänische Grammatik geht – ein Thema, das später noch an Bedeutung gewinnen wird), wie er auf dem Polizeirevier von Büro zu Büro geht, um seine Berichte zu vervollständigen. Cristi findet einen Zugriff auf Victor unangebracht, er hat das Gefühl, er hätte danach einen jungen Menschen „auf dem Gewissen“, der für drei oder mehr Jahre ins Gefängnis muss, für ein Delikt, das in anderen Ländern längst nicht mehr verfolgt wird.
In Prag, wo Cristi mit seiner Frau auf Hochzeitsreise war, muss niemand wegen eines Joints ins Gefängnis, ganz zu schweigen von Paris, jener großen Stadt im Westen, als deren kleine Schwester die rumänische Hauptstadt Bukarest manchmal bezeichnet wird. Diese internationalen Vergleiche werden in „Police, Adjective“ ausführlich erörtert, denn für ein Land wie Rumänien, für eine postkommunistische Gesellschaft, kommt es sehr darauf an, sich in ein Verhältnis zu setzen – zu den freiheitlichen Demokratien des Westens, zu denen man nun auch gehört, und zu denen es doch auffällige Unterschiede gibt. Es sind nicht zuletzt die jüngeren Regisseure des rumänischen Kinos, die diese Unterschiede ganz genau registrieren: Cristi Puiu, Radu Muntean, bis zu einem gewissen Grad auch Cristian Mungiu. Corneliu Porumboiu („12:08 Östlich von Bukarest“) ist der neben Puiu wohl radikalste Filmemacher aus dieser losen Gruppe. Das zeigt sich auch an den vielen Registern seines neuen Films. Obwohl hier unentwegt beobachtet wird, ist dies doch ganz wesentlich ein Film über Begriffe und Konzepte, und damit über Macht. Der philosophische Dialog, auf den „Police, Adjective“ hinausläuft, ist das Gegenteil einer sokratischen Wahrheitsfindung – es ist die Fortsetzung des totalitären Systemzusammenhangs mit den Mitteln des Rechtsstaats. Dagegen hält Corneliu Porumboiu ein Ethos der Beobachtung, das die Grundlage moralischer Entscheidungen bilden kann. „Police, Adjective“ ist ein weiterer Höhepunkt des neueren rumänischen Kinos.

Text: Bert Rebhandl

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Police, Adjective“ im Kino in Berlin

Police, Adjective (Politist, adjectiv), Rumänien 2009; Regie: Corneliu Porumboiu; Darsteller: Dragos Bucur (Cristi), Vladimir Ivanov (Anghelache), Ion Stoica (Nelu); 115 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 12. Januar

Mehr über Cookies erfahren