Kino & Stream

Im Kino: „Poll“ mit Edgar Selge

Poll

Chris Kraus, dessen intimer Gefängnisfilm „Vier Minuten“ 2006 großen Eindruck bei Publikum und Presse hinterließ, hat nun ein historisches Drama gedreht, basierend auf Kindheitserinnerungen der deutsch-baltischen Lyrikerin Oda Schaefer. Kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs erlebt Oda (Paula Beer) als 14-jährige an der baltischen Ostseeküste auf dem Gut ihrer Adelsfamilie die letzten Züge der zaristischen Gesellschaft. Heimlich pflegt sie einen verwundeten estnischen Widerstandskämpfer gesund, der sie in moderner Dichtkunst unterrichtet, während ihr Vater (Edgar Selge) in seinem furchterregenden Laboratorium die Gehirne von Anarchisten seziert, und zusammen mit dem Rest der Familie standhaft der Moderne trotzt.
Erstarrter Konservativismus, blutige Showdowns, dichterische Einlagen und zaristisches Idyll stehen sich in drastischer, teils roher Bildmetaphorik gegenüber. Eine überdeutliche Ambition, der Wucht des Zeitenwandels bedeutsame Bilder zu verschaffen, prägt „Poll“. Das bringt leider mit sich, dass die im Film behauptete Identitätssuche der jungen Hauptfigur thematisch und psychologisch ins Hintertreffen gerät.

Text: Iris Depping

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Poll“ im Kino in Berlin

Poll, Deutschland/Österreich/Estland 2010; Regie: Chris Kraus; Darsteller: Paula Beer (Oda von Siering), Edgar Selge (Ebbo von Siering), Tambet Tuisk („Schnaps“); 139 Minuten; FSK 12

Kinostart: 3. Februar

Mehr über Cookies erfahren