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Im Kino: „Portraits deutscher Alkoholiker“

Porträts deutscher Alkoholiker

Auf den ersten Blick gibt es keine Anzeichen, alles wirkt völlig normal im bürgerlichen Wohnviertel mit seinen gepflegten Vorgärten und dem Kugelgrill auf der Veranda. Mit fotografischen Mitteln scheint man dem Thema nicht beizukommen, und so zeichnet Carolin Schmitz ihre „Portraits deutscher Alkoholiker“ ohne Gesichter, zeigt sie in ihrer allgegenwärtigen Unsichtbarkeit. Nur Stimmen machen das Verborgene präsent, stellen den Alkoholismus als Diskurs dar. Monumentale Bilder des Belanglosen begleiten die sachlichen O-Töne der Süchtigen, die anonym bleiben, aber gesellschaftlich greifbar werden als Rechtsanwalt und IT-Spezialist, OP-Schwester und Hausfrau. Der Mittelklassehaushalt mit seiner Fülle der Dinge wird durch aufschlussreiche Bild-Ton-Kontrapunkte zu einer schicksalhaften Anordnung. Die grafischen, leuchtenden Einstellungen dieses auf stille Weise radikalen Dokumentarfilms erinnern an die kontemplative Mise-en-scиne der Berliner Schule; hier ist kein Bild ungefähr. Krankenhäuser und Einkaufszentren, Flughäfen und Wohngebiete, Flussufer und Weinberge – das ganz normale, unspektakuläre Deutschland scheint mit einem Mal bevölkert zu sein von den nur akustisch anwesenden Protagonisten, die jeder Passant sein könnten.

Text: Stella Donata Haag

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Portraits deutscher Alkoholiker“ im Kino in Berlin 

Portraits deutscher Alkoholiker, Deutschland 2009; Regie: Carolin Schmitz; 81 Minuten; FSK 0

Kinostart: 29. September

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