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Im Kino: „Restless“

Restless

Ein leicht gequält aussehender junger Mann drückt sich auf Beerdigungen ihm fremder Menschen herum, wo er alsbald eine vergleichsweise lebensfrohe Frau trifft, seine große Liebe, die ihn behutsam ins Leben zurücksteuert. Welcher Film kommt einem bei einer derartigen Beschreibung zuerst in den Sinn? Jede Wette, dass dies selbst bei jüngeren Leuten „Harold und Maude“ sein dürfte. Gus Van Sants „Restless“, der jetzt mit einer ähnlichen Szene beginnt, provoziert also geradezu den Vergleich mit Hal Ashbys Filmkunstklassiker aus dem Jahr 1971, denn die Ähnlichkeiten dürften kaum zufällig sein.  
Doch Van Sants Drama um den verstörten Enoch (Henry Hopper), der seine Eltern bei einem Autounfall verloren hat und von den Toten nicht Abschied nehmen konnte, weil er selbst wochenlang im Koma lag, entfaltet nicht einmal ansatzweise die Wucht von Ashbys sanft anarchischer Tragikomödie. Die funktionierte einst vor allem als Gesellschaftsparabel, in der Harold, der steife Junge im Anzug und mit dem versteinerten Gesicht, zum Sinnbild wurde für all jene, die sich von überkommenen Konventionen eingeengt fühlten. Geschickt lavierte Ashby dabei zwischen Privatem und Politischem, zwischen Komik und Sentiment. In „Restless“ ist von alledem jedoch nur das Private und das Sentiment geblieben. Enochs Leben erscheint als Einzelschicksal, für das der Zuschauer Empathie verspüren soll. Doch Ashby wusste es besser: Fehlen Humor und gesellschaftlicher Kontext, wird’s lediglich larmoyant.
Das unverzeihlichste Ärgernis von „Restless“ ist jedoch, dass der Film die Figur von Enochs junger Freundin Annabel (die talentierte Mia Wasikowska aus Tim Burtons „Alice im Wunderland“) statt als gleichberechtigte Partnerin nur als dramaturgisches Requisit ansieht: Ihr lange angekündigter Gehirntumor-Tod bietet Enoch nun endlich die Gelegenheit, „Abschied“ zu nehmen. Die Krankheit und das Sterben werden dabei dreist verharmlost, was deutlich obszöner wirkt, als es eine auch nur andeutungsweise realistische Darstellung zeigen könnte. Überhaupt erscheint in „Restless“ alles konsequent verniedlicht, gleichermaßen prätentiös wie oberflächlich und halbherzig inszeniert: Die Protagonisten wirken hier nicht, als hätten sie Probleme, sondern als seien sie auf dem Weg zu einem Mode-Fotoshooting.

Text: Lars Penning

Foto: Sony Pictures

tip-Bewertung: Uninteressant

Orte und Zeiten: „Restless“ im Kino in Berlin

Restless, USA 2011; Regie: Gus Van Sant; Darsteller: Henry Hopper (Enoch Brae), Mia Wasikowska (Annabel Cotton), Ryo Kase (Hiroshi Takahashi); 91 Minuten; FSK 6

Kinostart: 13. Oktober

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