Kino & Stream

Im Kino: „Revision“

Revision

Der Fall klingt wie ein Krimi-Plot: In einem Kornfeld irgendwo im Grenzland zwischen Deutschland und Polen fallen Schüsse. Als die Polizei eintrifft, findet sie zwei Tote. Das Feld steht mittlerweile in Flammen.
Das Bild des idyllischen Feldes steht am Anfang von Philip Scheffners Rekonstruktion des Falls, der 1992 nur in Zeitungsnotizen auftauchte. Damals schon interessierte sich der Dokumentarfilmer für die Hintergründe, recherchierte er doch zum Thema „Festung Europa“. Bei den Toten handelte es sich um zwei rumänische Männer, welche die Grenze heimlich passiert hatten. Das Geschehen wurde zum Jagdunfall erklärt, ein Prozess endete mit dem Freispruch der Schützen.
In „Revision“ rollt Scheffner die Affäre nun noch einmal auf. Ohne im Vorhinein selbst zu wissen, was er zu Tage fördern würde, lässt er den Betrachter teilhaben am Fortschritt des Erkenntnisstandes: Er spricht mit Zeugen wie Feuerwehrleuten und Bauern, die die verschmorten Körper entdeckten; er trifft Gerichtsmitarbeiter, Journalisten und einen Anwalt der beklagten Hobbyschützen. Schließlich reist er nach Rumänien und befragt – als Erster, wie sich zeigt – die Hinterbliebenen der toten Familienväter, von denen der eine in Rumänien lebte, der andere in Rostock-Gelbensande in dem Asylbewerberheim, das bald nach den Schüssen von Anwohnern angegriffen wurde.
Neue Erkenntnisse nimmt Scheffner in den Film auf und erzählt die nun immer faktenreichere Geschichte aus dem Off wiederholt neu. Dabei legt er eklatante Ermittlungslücken offen – etwa in Bezug auf den verspäteten Prozess, zu dem weder Angehörige noch wichtige Zeugen geladen wurden. Bestechend ist die Sachlichkeit, mit der sich der Regisseur Kenntnisse verschafft: von der Rekonstruktion der Lichtverhältnisse am Tatmorgen über die Höhe der Halme, die 1992 hüfthoch gestanden haben müssen. Mühselig zu sammelnde, doch frei zugängliche Informationen, die an der offiziellen Lesart einer Verwechslung der Männer mit Wildschweinen zweifeln lassen. Indem Scheffler den Fall mit den häufigen rassistischen Übergriffen in der Gegend speziell auf rumänische Familien – wie etwa auch auf die Familiengrabstätte eines der Toten nahe Rostock – in Zusammenhang bringt, ergibt sich zudem ein gesellschaftspolitischer Kontext, der zuvor abgekoppelt schien.
Mit dem mittlerweile durchaus historischen Zeitabstand von 20 Jahren erweist sich „Revision“ als Beispiel einer Geschichtsschreibung „von unten“, die neben der offiziellen Lesart auch die Perspektive der Unterlegenen festhält. Das Anliegen von Transparenz und Beglaubigung wird auch in Schefflers zunächst etwas ungewöhnlicher Methode deutlich, seine Interviewpartner zu filmen, während sie ihrer eigenen Aussage auf Band zuhören. Später nicken sie bestätigend oder fügen noch etwas an. Der Vorgang erinnert dann an Zeugenaussagen, die von den Anwesenden im Gericht gehört werden.

Text: Ulrike Rechel

Foto: Real Fiction Filmverleih

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Revision“ im Kino in Berlin

Revision, Deutschland 2012; Regie: Philip Scheffner; 110 Minuten; FSK 12

Kinostart: 13. September 

Mehr über Cookies erfahren