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Im Kino: „The Riot Club“

The Riot Club

Der Blick, den Regisseurin Lone Scherfig auf die schimmernde Oberfläche der Klassengesellschaft wirft, verrät Kennerschaft, mehr noch: Lust am diskreten Charme von Maßanzügen, Jagdwochenenden und dem abendlichen Single Malt aus antiken, natürlich ererbten Kristallgläsern am knisternden Kamin. Nach „An Education“ (2009) und „Zwei an einem Tag“ (2011) porträtiert die Dänin ein drittes Mal britischen Lebensstil und ist mit „The Riot Club“, ihrem neuen Film über eine berühmte akademische Dining Society in Oxford, in der Gegenwart angekommen.
In England sind die Dining Clubs der renommierten Universitäten Rekrutierungsstellen der zukünftigen Führungsschicht. Bei den Sprösslingen der Reichen und Vornehmen verbindet sich das Eliteverständnis der adligen Feudalgesellschaft bruchlos mit dem der spätkapitalistischen Leistungsgesellschaft: Der zu Ehren eines flamboyanten Adligen im späten 18. Jahrhundert gegründete Riot Club nimmt nur die zehn Besten von den 20.000 Studenten der besten Universität der Welt auf. Dass die in ein paar Jahren an den Schalthebeln der Macht sitzen werden, ist ausgemachte Sache. Aber jetzt wollen sie noch Spaß haben, koste es, was es wolle.
The Riot ClubAuch Miles, gut aussehendes Erstsemester der Geschichtswissenschaft aus bildungsbürgerlichem Elternhaus, ist erst einmal hingerissen von den traditionellen Riten des akademischen Lebens. Man debattiert nach allen Regeln der antiken Rhetorik über die Schwächen des Sozialstaates und dichtet unanständige Limericks auf Latein. Als ihm dann der Riot Club die Mitgliedschaft anbietet, driftet er immer mehr ab in die Welt der Hochprivilegierten, deren selbstherrlicher Egoismus schließlich beim Gelage in einem Pub auf dem Land zur Katastrophe führt.
Als die Folgen des Exzesses hoffnungsvolle Lebensläufe zu beschädigen drohen, scheint die Loyalität zu bröckeln. Trotzdem – das ist das bittere Fazit – entsteht kein Platz für Gerechtigkeit, denn Vertuschungshilfe komme von allerhöchster Stelle. Hier öffnet sich der Film, dessen Bildlichkeit bisher von der pittoresken mittelalterlichen Szenerie Oxfords bestimmt war, zu einem Panorama der City of London – und liefert so die finale Begründung für die Undurchlässigkeit des Systems.
Laura Wades Drehbuch nach ihrem Theaterstück „Posh“ liefert ein präzise ausgezirkeltes Gerüst, dessen Klarheit sich perfekt ergänzt mit der Opulenz der Inszenierung. Der Zuschauer lässt sich anstecken von der Faszination des Novizen für diese fremde, reizvolle Welt und zu gefährlichen Allianzen verführen. Lone Scherfigs wohltemperierter Stil wird gerade in seiner nostalgischen Patina zur eigenständigen Qualität. Denn der Schock ist umso größer, als am Ende klar wird, dass es nicht nur um die Karrieren einiger Jungs aus gutem Hause geht, sondern um die Zukunft einer gespaltenen Gesellschaft.

Text: Stella Donata Haag

Foto: 2014 PROKINO Filmverleih GmbH

Orte und Zeiten: „The Riot Club“ im Kino in Berlin

The Riot Club, Großbritannien 2014; Regie: Lone Scherfig; Darsteller: Sam Claflin (Alistair Ryle), Max Irons (Miles Richards), Douglas Booth (Harry Villiers); 107 Min.

Kinostart: Do, 09. Oktober 2014

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