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Im Kino: „Rosie“

Rosie

Der 40-jährige Sohn Lorenz, ein arrivierter Schriftsteller, wohnt weit weg in Berlin. Die Tochter Sophie hat Eheprobleme und lässt sich nur sporadisch bei ihrer allein lebenden Mutter Rosie im schweizerischen Altstätten blicken. So tröstet sich die alte Dame mit Fernsehen, Nikotin und Alkohol über ihre Einsamkeit hinweg. Als sie aufgrund ihres ungesunden Lebenswandels verwahrlost und herzkrank zusammenbricht, kommen Lorenz und Sophie zu Hilfe. Doch Rosie beginnt nach der Rekonvaleszenz gleich wieder zu saufen, bis sie mit 1,8 Promille und einem Infarkt erneut im Krankenhaus landet.
Das Familiendrama „Rosie“ von Marcel Gisler ist äußerst vielschichtig und dabei ebenso feinfühlig wie formvollendet in Szene gesetzt. Das Porträt einer Trinkerin geht mit einer Persönlichkeitsstudie ihrer gegensätzlichen Kinder einher, die sich im Zuge der Fürsorge für die kranke Mutter wieder menschlich näherkommen. Dazu kommt eine schwule Liebesgeschichte zwischen Lorenz und einem jungen Burschen, der sich regelmäßig um Rosie kümmert. Autofahrten des Sohnes von Berlin in die Schweiz und zurück markieren den Beginn neuer Kapitel des Drehbuchs.
Sibylle Brunner geht mit Leib und Seele in der Rolle der renitenten Rosie auf, spielt absolut realistisch mit Elan eine starrsinnige, ständig besoffene Seniorin ohne Schamgefühl, die furzend und halbnackt im Bad zu sehen ist. Eine schauspielerische Tour de Force. Fabian Krüger agiert hingegen zurückhaltend und nachdenklich als Lorenz, ein homosexueller Autor in der Midlifekrise, geplagt von Hexenschuss und einer Schreibblockade. Bei seinen Aufenthalten in der Schweizer Heimat beginnt er, sich mit der Persönlichkeit seines verstorbenen Vaters auseinanderzusetzen. Er spricht mit dessen einst bestem Freund und nervt die Mutter mit indiskreten Fragen, bis er ein lang gehütetes Familiengeheimnis lüftet. Während Lorenz in der heutigen Zeit seine Sexualität offen oder anonym in Berliner Darkrooms ausleben kann, waren Schwule zu Vaters Zeiten peinlich darauf bedacht, ihre Neigung zu verbergen oder ganz zu unterdrücken.
Der Film schafft eine so große menschliche Nähe zum Geschehen, dass man das Gefühl hat, dabei zu sein.

Text: Ralph Umard

Foto: Kool

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Rosie“ im Kino in Berlin

Rosie, ?Schweiz 2013; Regie: Marcel Gisler; Darsteller: Sibylle Brunner (Rosie), Fabian Krüger (Lorenz), Sebastian Ledesma (Mario); 116 Minuten; FSK 12

Kinostart: 8. Mai

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