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Im Kino: „Ruhm“ von Isabel Kleefeld

RuhmWer als 30-Jähriger einen der erfolgreichsten Romane der Nachkriegszeit geschrieben hat, darf mit einiger Autorität über die schillernde Mehrdeutigkeit von „Ruhm“ sprechen. Unter diesem Titel veröffentlichte Daniel Kehlmann 2009 seine ebenfalls rasch zum Bestseller avancierte Sammlung von neun Geschichten, die zusammen eine Meditation über die kollektive Sehnsucht nach sozialer Bedeutsamkeit ergeben. Regisseurin Isabel Kleefeld hat daraus einen intelligenten, ironischen und unterhaltsamen Film gemacht.

Gemeinsames Thema der Geschichten ist das Scheitern von Kommunikation in all seinen Facetten, wobei den mobilen Fetisch­objekten der Überall-Erreichbarkeit ein erhellender Sonderstatus zukommt. Der Film beginnt mit einem unauffälligen Elektroingenieur, der sich nach jahrelangem Widerstand auf Drängen seiner Ehefrau ein Mobiltelefon kauft. Offenbar ist ihm eine bereits vergebene Nummer zugeteilt worden, denn nun erhält er seltsame Anrufe aus der fremden, verlockenden Welt der Unterhaltungsbranche. Gleichzeitig klingelt das Telefon des Filmstars Ralf Tanner schon seit Tagen nicht mehr, was ihn massiv in seinem Selbstverständnis irritiert. Als er auf einem Doppelgänger-Contest gegen einen Ralf-Tanner-Imitator nur den zweiten Platz belegt, begreift er die angebotene Anonymität als Chance und beginnt ein Doppelspiel, das ihm nach und nach entgleitet.

Die elegante Choreografie des auf sieben Stränge reduzierten erzählerischen Netzes kreist um ein leeres Zentrum, denn eine Auflösung im klassischen Sinne ist strukturell unmöglich. Eine der  Figuren in gefährlicher Nähe zu diesem Zentrum ist der Erfolgsautor Leo Richter, der auf einer Lesereise durch Südamerika aus einer unveröffentlichten Erzählung über eine todkranke alte Frau vorliest. Als er die Einladung zu einer Schriftstellerreise durch einen obskuren postkommunistischen Ostblockstaat nicht annehmen kann, bittet er seine Kollegin Maria Rubinstein, eine wenig erfolgreiche Krimiautorin, für ihn einzuspringen. Diese nimmt begeistert an und muss erleben, dass die Reichweite der verwaltbaren Zivilisation in etwa der Laufzeit eines Handyakkus entspricht. Leider hat sie ein sehr altes Modell. Währenddessen bereitet sich die unheilbar kranke Rosalie mit der Umsicht einer deutschen Hausfrau auf ihre Reise zu einem Sterbehilfeverein in die Schweiz vor.

Die metafiktionalen Volten des Romans reiben sich produktiv an der Evidenz des Kinos, denn das Gesehene wird vom Zuschauer erst mal für bare Münze genommen, und so schnell lässt sich der einmal entstandene Eindruck nicht unter andere Vorzeichen setzen. Gerade weil der Film handwerklich seriös und gradlinig verfährt, gewinnt Kehlmanns gewitztes Spiel mit dem Status literarischer Fiktionalität – treffenderweise hat der Autor einen Cameo-Auftritt als Laudator des fiktiven Schriftstellers Leo Richter – nochmals an Biss, an abgründiger Heiterkeit. 

Text: Stella Donata Haag
Foto: Little Shark Entertainment
tip-Bewertung: Sehenswert


Ruhm im Kino in Berlin

Deutschland/Österreich/Schweiz 2011;
Regie: Isabel Kleefeld; Darsteller: Senta Berger (Rosalie), Heino Ferch (Ralf Tanner), Justus von Dohnбnyi (Joachim Ebling);
103 Minuten; FSK 12;
Kinostart: 22. März

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