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Im Kino: „Salt“ mit Angelina Jolie

Salt

Die Politik und Symbolik von Kleidern und Schuhen ist nicht nebensächlich im Hollywoodfilm, vor allem dann nicht, wenn es um weibliche Actionheldinnen geht. Nur einmal, ganz zu Beginn von „Salt“, ist Angelina Jolie fast nackt zu sehen. Nur noch mit Unterwäsche bekleidet wird die CIA-Agentin Evelyn Salt (Jolie) in einem nordkoreanischen Verließ gefoltert. Danach – es sind zwei Jahre vergangen – geht es weiter in Kostüm und Pumps, jedenfalls so lange, bis sie ein Überläufer in Washington bezichtigt, eine russische Schläferin zu sein und Salt, von ihren Kollegen sofort verdächtigt, aus dem hoch gesicherten CIA-Gebäude fliehen muss.
SaltDie Kleiderfrage stellt sich neu: Salt entledigt sich zuallererst ihrer High Heels, benutzt ihre Strümpfe dazu, Kameras zu blockieren, bastelt aus Putzmitteln einen abfeuerbaren Explosivkörper und rennt dann barfuß durch die Stadt. Zu Hause, wo sie kurz Station macht, zieht sie sich was Bequemes an, Hose und Stiefel – und schon geht es weiter auf einer atemlosen Verfolgungsjagd, in der Salt rennt, sich von Brücken wirft und auf rasende Laster springt. All dies selbstverständlich in ziemlich flachen Schuhen. Später sieht man Salt neben funktionalen aber eleganten Outfits auch mal in schlichten männlichen Uniformhosen und Hemd, bis sie ganz unter einer männlichen Maske verschwindet.
Die Zahl der Actionheroinen hat sich in den letzten zehn Jahren vergrößert, befördert durch Comic- und Videogame-Verfilmungen von „Lara Croft“ (die Angelina Jolie zu einem emblematischen Auftritt verhalf) bis „Catwoman“, aber Evelyn Salt ist womöglich die erste, die für ihre Verfolgungsjagden und Nahkämpfe konsequent weder ein hautenges Latex-Dress noch Absätze benötigt, ja noch nicht einmal den Minimalstandard des brustbetonten Tanktops einhält.
„Salt“ ist ein elegant inszenierter Agententhriller klassischen Formats, voller Lügen, Irrungen, Wirrungen und Schlaufen im Plot, spannend und unterhaltsam, aber das wirklich Aufregende daran ist, wie wenig die Hauptfigur im Hinblick auf ihre körperlichen Reize inszeniert wird. Es gibt keine heißen Sexszenen, allenfalls ihre prallen Lippen bieten ein bisschen überhöhte Weiblichkeit, wenn die Kamera mal wieder auf ihrem undurchdringlichen Gesicht ruht und man nicht weiß, was sie jetzt gerade plant. Ein ziemlich interessanter neuer Typus: graziös, weiblich, schön – und dabei so beherrscht und kompetent, dass man sie selbst dann, wenn sie gefesselt ist und Schläge einsteckt, noch für die überlegene Partie hält.
SaltSalt bleibt der CIA denn auch in einer Reihe von spektakulären Verfolgungsjagden immer einen Schritt voraus, schafft es noch aus den ausweglosesten Situationen zu entkommen, ist im Nahkampf anscheinend fast unbesiegbar und verfolgt ihre eigenen, schwer zu durchschauenden Pläne mit ausnehmend kühlem Kopf. Die Handlung ist, typisch für das Genre, weder besonders realistisch noch lückenlos kohärent. Aber darum geht es auch nicht.
Zentral sind für den Agententhriller seit jeher andere Dinge – zum Beispiel die Coolness der Hauptfigur und das Charisma ihres Darstellers, dem die spektakuläre Fähigkeit, mit nichts als einem stählernen Körper und einem findigen Geist (und ein paar Hightech-Gadgets) in jeder Situation die Oberhand zu bewahren, vom Zuschauer auch abgenommen werden muss. Angelina Jolie, im Actiongenre nicht unerfahren, hat dazu nicht nur die nötige Sportlichkeit, sondern vor allem die leinwandfüllende Präsenz. Keine Sekunde zweifelt man daran, dass sie alles im Griff hat.
Dem Vernehmen nach wollte die Schauspielerin schon länger gerne mal „James Bond“ spielen und „Salt“, ursprünglich mit männlicher Hauptfigur und als Tom-Cruise-Vehikel geplant, wurde ihr von Sony dafür angeboten. Tatsächlich erinnert die Figur der Evelyn Salt in vielem an James Bond, den klassischen Gentleman unter den Filmagenten. Nicht nur, weil in dem Film die Russen ein unerwartetes Comeback als Superbösewichte haben. Sondern vor allem durch Salts kühle Eleganz und Grazie und die Art, wie sie in jeder Lage gleichzeitig kontrolliert, emotionslos und sexy wirkt. Sexy und interessant – nicht sexy und nackt.

Text: Catherine Newmark

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Salt“ im Kino in Berlin

Salt, USA 2010; Regie: Phillip Noyce; Darsteller: Angelina Jolie (Evelyn Salt), Liev Schreiber (Ted Winter), Chiwetel Ejiofor (William Peabody); 100 Minuten

Kinostart: 19. August

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