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Im Kino: „Schnee von gestern“ von Yael Reuveny

Berlin ist für junge Israelis ein Sehnsuchtsort. Viele von ihnen leben hier aus denselben Gründen, aus denen der Rest der internationalen Szene hier Station macht – Berlin gilt als urban, hip und vergleichsweise billig.
Und doch bringen sie einen speziellen Ballast mit, müssen sich rechtfertigen vor der Familie und jenen Menschen auf alten Schwarz-Weiß-Fotos, die sie nie kennengelernt haben und von denen nur im Flüsterton erzählt wird. Ins Land der Täter umzusiedeln, ist ein Akt der Emanzipation: Sie werden erwachsen, indem sie der Lesart ihrer Eltern eine eigene entgegensetzen, sich auflehnen gegen die Unhinterfragbarkeit der historischen Erfahrung.
Yael Reuveny ist eine Israelin in Berlin, und sie ist nicht trotz, sondern wegen eines Phantoms aus alten Familienalben hier gelandet. Ihre Großmutter Michla und deren Bruder Feiv’ke, die beiden einzigen Überlebenden der Familie Schwarz aus Wilna, verpassen sich nach Kriegsende. Michla emigriert nach Israel, Feiv’ke nennt sich Peter und gründet eine Familie in der Nähe des ostdeutschen Ortes, in dem er im Arbeitslager war. Die beiden sahen sich nie wieder.
Die Regisseurin hatte den Film als posthumes Geschenk an ihre Großmutter geplant, als Versuch, Fei’vke wiederauferstehen zu lassen. Doch was damals passiert ist, lässt sich ebenso wenig rekonstruieren wie die Gründe, warum weder Großmutter noch Großonkel in den 40 Jahren danach jemals nacheinander gesucht haben. Stattdessen gelingt es ihr, über die familiäre Archäologie zu begreifen, was drei Generationen bis heute umtreibt. Reuveny versteht die Kamera als „Röntgengerät“ und bringt durch ihren zwangsläufig subjektiven Zugriff viel Energie in den Film, der sich wie sie mal entschieden und konfrontativ, mal behutsam und fragend zeigt.
Gerade bei den Interviews mit ehemaligen Nachbarn und Freunden des Großonkels aus der ostdeutschen Provinz stellt sich eine Beklemmung ein, die viel tiefer geht als das ritualisierte Fremdschämen beim Reality-TV. In einer Mischung aus provinzieller Beschränktheit und Herzensgüte spazieren sie durch das historisch verminte Gelände, NS- und DDR-Vergangenheit fließen ineinander: Die Baracken des Arbeitslagers wurden nahtlos zur Ressource auf dem immer knappen Wohnungsmarkt, die Fenster vergrößert und Rosen in den Garten gepflanzt. Die langjährigen Mieter erinnern sich heute wehmütig: „Wir haben uns hier immer sehr wohl gefühlt.“
Auch in Feiv’kes deutscher Familie hat das verpatzte Treffen über fast 70 Jahre hinweg Spuren hinterlassen. Gemeinsam mit seinem Sohn reist Reuveny nach Wilna und sucht das Haus der Familie. In der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße trifft sie einen seiner Enkel, der unbedingt sein spät entdecktes Judentum leben möchte und schließlich sogar nach Israel übersiedelt. Während ihre Eltern endlich Berlin besuchen und staunen über die fröhliche Normalität einer internationalen WG in Prenzlauer Berg.

Text: Stella Donata Haag

Foto: Film Kino Text

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: Schnee von gestern“ im Kino in Berlin

„Schnee von gestern“, ?Deutschland/Israel 2013; Regie: Yael Reuveny; 100 Minuten; ?FSK k. A.; Kinostart: 10. April

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