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Im Kino: „Schwestern“ von Anne Wild

Schwestern

Familienzusammenkünfte sind eine zwiespältige Angelegenheit: Oft lasten überhöhte Erwartungen auf solchen Versammlungen, meist knirscht es heftig an der einen oder anderen Stelle im Beziehungsgebälk. Das gilt auch für die Sippe, die in „Schwestern“ zusammenkommt, dem dritten Langfilm von Anne Wild („Mein erstes Wunder“). Eines sommerlichen Tages reisen die Mitglieder der Familie Kerkhoff von nah und fern in ein Nest irgendwo im Südbadischen, um sich von einer der ihren zu verabschieden. Die jüngste Tochter will fortan im Kloster leben. Festlaune löst der Entschluss allerdings wenig aus; stattdessen prägt Anspannung die Stimmung. Als sich das klösterliche Zeremoniell unerwartet um einige Stunden verzögert, führt ein spontanes Familienpicknick auf einer umliegenden Wiese zur allmählichen Entladung der versammelten erhitzten Gemüter. Bald steht nicht bloß der Schritt der Novizin auf dem Prüfstand, sondern damit verknüpft werden auch alle übrigen Lebensentwürfe infrage gestellt.
Regisseurin Wild, die selbst das Drehbuch schrieb, legt ihren Film als Kammerspiel vor offener Landschaftskulisse an. Zentraler Schauplatz ist die malerische Weidelandschaft abseits des Klosters: ein überwirklich anmutender Ort scheinbar außerhalb von Raum und Zeit, wo kein Handy geht, Unwetter sich zusammenbrauen und das einzige Schulkind in der Erwachsenenrunde seiner inneren Traumwelt begegnen darf. Für die inneren Prozesse findet der Film einprägsame Bilder: Ordensschwestern als mutige zeitgenössische Cowgirls, ein dunkles Sumpfstück, in dem selbst die kontrollierte Übermutter die Orientierung verliert, stille Blicke zwischen Mann und Rind. Schließlich kommt die aufgekratzte Truppe doch noch zum Ritual zusammen, das auf diese Art doch noch zur wahren Familienfeier wird.
Ihre Figuren zeichnet Wild einfühlsam, die Geschichte überfrachtet sie angenehmerweise nicht mit unnötiger Dramatik. Ein Stück der Natürlichkeit aber verfliegt in der zweiten Hälfte, wenn noch jede einzelne Figur ihre persönliche Nuss fertig zu knacken hat. Der Film mündet dann etwas schematisch in seinem weihevollen Schlussakt, der ein paar leise Störgeräusche sicher gut vertragen hätte.

Text: Ulrike Rechel

Foto: Farbfilm Verleih

tip-Bewertung: Annehmbar

Orte und Zeiten: „Schwestern“ im Kino in Berlin

Schwestern, ?Deutschland/Schweiz 2012; Regie: Anne Wild; Darsteller: Maria Schrader (Saskia Kerkhoff), Ursula Werner (Usch Kerkhoff), Jesper Christensen (Onkel Rolle); 85 Minuten; FSK 0

Kinostart: 12. Dezember

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