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Im Kino: „By The Sea“

By the Sea

Angelina Jolie und Brad Pitt sind aktuell das berühmteste Paar der Filmwelt. In einem medialen Gewitter der Sonderklasse geistern sie durch Klatschspalten und Fachpublikationen gleichermaßen, erzählen in Late-Night-Shows dramatisch Privates oder verkünden auf Pressekonferenzen der staunenden Öffentlichkeit ihre jüngsten Pläne zur Rettung der Welt. Angelina Jolie ist keineswegs dumm, aber bei all dem Trara doch vermutlich irgendwann dem eigenen Mythos erlegen: Mittlerweile glaubt sie tatsächlich, sie sei wichtig.
Nur so lässt sich ihre jüngste Regiearbeit „By the Sea“ überhaupt erklären. Darin verkörpern Jolie und Pitt ein Ehepaar auf einer Reise durch Südfrankreich in den 1970er-Jahren, und die Zeiten für ihre Beziehung scheinen sich gerade so holprig zu gestalten wie die kleinen Straßen, auf denen sie herumkurven. Der Grund dafür bleibt allerdings mysteriös, denn die Figuren haben offenbar ein Schweigegelübde abgelegt. Erzählt wird immerhin soviel: Er ist Schriftsteller in der Schaffenskrise – zwar wird mit großer dramatischer Geste sofort nach Bezug eines Hotelzimmers die Schreibmaschine als zentraler Blickfang aufgebaut, doch fristet selbige anschließend ein sehr einsames Dasein, weil ihr potenzieller Nutzer alle Tage in einem Bistro abhängt und eindeutig viel zu oft zu tief ins Glas schaut.
By the SeaDarüber hinaus offenbaren die beiden Hauptfiguren noch nicht einmal den Hauch eines irgendwie erkennbaren Charakterzugs, und es ist schon ein wirklich krasser Fall von monströser Selbstüberschätzung, zu glauben, man könne den Zuschauer satte zwei Stunden für geheimnisvolles Posieren auf einer Sonnenliege interessieren. Denn das tut Frau Jolie die meiste Zeit – angetan mit einer seltsamen Perücke und einer jener schrecklichen riesigen Sonnenbrillen wie sie Sophia Loren seinerzeit immer so gerne trug.
Ansonsten passiert in diesem Film absolut nichts – oder doch zumindest fast nichts, denn gelegentlich beobachten die beiden das frisch verheiratete Pärchen im Hotelzimmer nebenan durch ein Loch in der Wand. Meistens beim Sex, doch jenseits des möglichen Voyeurismus hängt bei Pitt und Jolie eindeutig eine unausgesprochene Ahnung höchster Qual im Raum, die sich langsam, aber stetig bis in die Tiefen des Kinosessels hinein überträgt.
Aber auch wenn sie es vielleicht glaubt: An Jolie ist definitiv kein Antonioni verloren gegangen, und jedem potenziellen Zuschauer sei an dieser Stelle geraten, wenigstens ein Getränk mit in den Saal zu nehmen – schließlich greift man in höchster Not ja gern nach jedem rettenden Strohhalm.
Gerüchteweise hat Angelina Jolie angekündigt, ihre Schauspielkarriere jetzt beenden zu wollen, was eine ungute Konzentration auf den Regieberuf befürchten lässt. Doch in diesem Fall sollte man ausnahmsweise einmal auf die bereinigenden Kräfte des freien Marktes setzen: Schließlich ist Kino auch immer noch ein Geschäft, und derartig prätentiösen Unsinn wie „By the Sea“ wird sich auf Dauer einfach niemand freiwillig antun wollen.
Übrigens legt Pitt am Ende des Films doch noch ein dickes Manuskript (natürlich heißt es „By the Sea“) neben seine Schreibmaschine. Vermutlich hat er es in jenen Momenten geschrieben, als die Kamera gerade mal nicht hinschaute.

Text: Lars Penning

Fotos: Merrick Morton / Universal Pictures

Orte und Zeiten: „By the Sea“ im Kino in Berlin

By the Sea, USA 2015; Regie: Angelina Jolie; Darsteller: Angelina Jolie (Vanessa), Brad Pitt (Roland), Mйlanie Laurent (Lea); 132 Minuten

Kinostart: Do, 10. Dezember 2015

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