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Im Kino: „Seсor Kaplan“

Im Kino:

Ein älterer Deutscher liegt in Uruguay am Strand und liest ein Buch. Ein Feldstecher ist auf ihn gerichtet. Das Buch hat einen seltsamen Titel, jedenfalls für den selbst ernannten Detektiv Wilson: „Diepest“. Sein Kollege und Anstifter, ein älterer Herr namens Jacobo Kaplan, denkt eine Sekunde nach – dann begreift er: „Die Pest“. Das Objekt ihrer Überwachung liest ­Camus. Aber lässt das irgendwelche Rückschlüsse auf seine wahre Identität zu? Jacobo ist sich nicht sicher.
An seinem Verdacht aber hält er fest. Der Deutsche, der sich Ende der 90er-Jahre in Uruguay vor allen Leuten versteckt hält, war sicher ein Kriegsverbrecher. Und ­Jacobo hat allen Grund, darauf sensibel zu reagieren. Schließlich hieß er früher einmal Yankev Kaplan, das war in Polen vor dem Beginn des großen Judenmordens. Er kam davon, in Uruguay gehört er einer Gemeinde exilierter, längst Spanisch statt Jiddisch sprechender Juden an.
Das Alter setzt ihm schon zu, seine ­Gefäße sind in einem schlechten Zustand. Aber er hat immer noch Energie und Witz genug für eines jener verschrobenen ­Se­niorenabenteuer, die im Kino in den letzten Jahren zu einem eigenen Genre geworden sind. Alvaro Brechner setzt mit „Seсor Kaplan“ auf eine klassische Typen­komik: Der eigensinnige Jacobo und der dicke Wilson sind deutlich nach dem archetypischen Paar Don Quijotte und Sancho Pansa modelliert. Sie reiten zwar nicht gegen Windmühlen an, ihr Unternehmen ist aber auf eine ähnliche ­Weise komisch – es beruht nämlich möglicherweise auf einem großen Missverständnis.
Den zeitgeschichtlichen Hintergrund für „Seсor Kaplan“ bildet die Eichmann-Entführung durch den israelischen Geheimdienst 1960, während in der erzählten Gegenwart des Films (1997) die letzten Täter des NS-Regimes gerade noch zur Verantwortung gezogen werden könnten. Hier sieht Jacobo Kaplan seine Verantwortung, die zugleich auch seinem ein wenig leer gewordenen Leben noch einmal Sinn und Dramatik verleihen könnte.
So verläuft „Seсor Kaplan“ durchaus nach Plan, wobei schon bald zu ahnen ist, wie sich die Geschichte mit dem Deutschen auflösen könnte, der eine Bar namens Estrella betreibt und dessen ­Tochter es ins älteste Gewerbe der Welt verschlagen hat.
Hйctor Noguera und Nйstor Guzzini bilden ein sympathisches Duo in den Hauptrollen, sie sorgen dafür, dass das deut­liche Kalkül von „Seсor Kaplan“ nicht zu übermächtig wird.    

Text: Bert Rebhandl

Foto:
Neue Visionen Filmverleih

Orte und Zeiten: „Seсor Kaplan“ im Kino in Berlin


Seсor Kaplan (Mr. Kaplan),
Uruguay/Spanien/D 2014; Regie: Alvaro Brechner; Darsteller: Hйctor Noguera (Jacobo Kaplan), Nйstor Guzzini (Wilson Contreras), Rolf Becker (Der Deutsche); 98 Minuten

Kinostart:
Do, 16. Juli 2015

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