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Im Kino: „Like Someone in Love“

Like Someone In Love

In der bildungsbürgerlich vollgerümpelten Wohnung des alten Professors hängt die Reproduktion eines berühmten Gemäldes von Chiyoji Yazaki aus dem Jahre 1900: ein Mädchen, das einem Papagei das Sprechen beibringt, ein Schlüsselbild für japanische Sujets im westlichen, frühimpressionistischen Stil. Eine Hommage, eine Travestie, sicher eine Imitation und vielleicht sogar ein Fake: Dieses unsichere Verhältnis von Oberfläche und Bedeutung ist das Grundthema, das „Like Someone in Love“ raffiniert variiert.
In seinem in Tokio und auf Japanisch gedrehten Film kehrt der iranische Regie-Altmeister Abbas Kiarostami die Denkrichtung des Gemäldes um und kleidet seine Annäherung an das japanische Kino, vor allem an das des von ihm bewunderten Yasujirх Ozu, in Gestalt einer französisch anmutenden Erzählung. Dabei hat er unter die zunächst unscheinbare Oberfläche die Essenz des europäischen Blicks auf das Japanische gepackt: die Komplexität in der Einfachheit, in diesem Falle in der Schlichtheit einer kleinen, fast ereignislosen Geschichte.
Akiko, eine junge Studentin, arbeitet nebenher als Callgirl und wird von ihrem väterlichen Manager zu einem speziellen Kunden geschickt. Es ist Herr Takashi, ein emeritierter Soziologieprofessor, der sich unbeholfen durch die ihm offenbar unangenehme Situation als Freier tastet. Er hat Suppe aus ihrer Heimatregion gekocht, den Tisch feierlich gedeckt und bietet Wein an – doch die übermüdete Akiko legt sich einfach in sein Bett und schläft ein. Am nächsten Tag fährt er sie zur Prüfung an der Universität und wartet im Auto, wo ihr eifersüchtiger Verlobter Noriaki ihn für den Großvater hält und Rat sucht. Er geht auf in dieser Rolle, und auch das Mädchen fasst Zutrauen. Sie werden zu einem zarten, asexuellen Paar: die stereotype japanische Kindfrau mit kurzem weitem Röckchen und wippendem Pferdeschwanz und der ergraute Professor in der internationalen Tracht seines Standes mit ausgebeulter Cordhose und Strickjacke.
Like Someone in LoveAkiko stammt vom Land, ist fremd geblieben in Tokio und leidet – ein klassisches Ozu-Thema – unter der Auflösung der Familie. Die zurückgelassene dörfliche Nähe und Verbindlichkeit sucht sie geisterhaft heim in Gestalt der zärtlichen Stimme ihrer Großmutter. Diese ist für einen Tag vom Dorf nach Tokio gekommen, um ihre Enkelin zu sehen. Aber Akiko kann und will sie nicht treffen. Sie hört die über den Tag hinterlassenen Mailboxnachrichten im Taxi und bittet den Fahrer, einen Umweg über den Bahnhof zu fahren, wo die Großmutter gerade noch an ihrem Warteposten ausharrt, bevor sie in den letzten Zug nach Hause steigt. Gefangen in ihrer Heimatlosigkeit schläft Akiko erschöpft ein, eine Schlafwandlerin im Taxi, in dessen Scheiben sich die Lichter des nächtlichen Tokio spiegeln.
Im Interview betont Kiarostami, dass er keineswegs ein Verwirrspiel mit dem Zuschauer spielen will, dass sich die Geheimnisse seiner Filme vielmehr direkt aus der Komplexität der menschlichen Natur ergeben. Wie in dem titelgebenden Jazzstandard, der im Film von Ella Fitzgerald gesungen wird, verstehen seine Protagonisten ihre Handlungen und Gefühle selbst kaum. So ist der Zuschauer herausgefordert, entweder selbst eine quasi therapeutische Lesart zu entwickeln – oder eben die Offenheit der Verhältnisse auszuhalten, den Freiraum zu genießen und die kahlen Wände mit den eigenen Sehnsüchten zu tapezieren.

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