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Im Kino: „Sonnensystem“

Sonnensystem

In der unwirtlichen Welt des argentinischen Nordens können die Menschen es sich nicht leisten, zimperlich mit ihren Tieren umzugehen. Sie fesseln ihnen die Beine, werfen sie zu Boden und brennen ihr Zeichen in die Haut, wenn diese noch eine Weile zu leben haben. Aber auch eine Schlachtung zeigt Thomas Heise in seinem neuen Film „Sonnensystem“ und die Kastration eines Stiers in allen Details. Es sind anstößige Bilder für einen Blick, der an zivilisatorische Grenzen gewöhnt ist. Doch genau diese sind hier noch ganz durchlässig, bei indigenen Bewohnern in der Region Tinkunaku. Es ist eine abgeschiedene Welt, die Heise zuerst im Winter (Landschaft: braun) und dann im Sommer zeigt (Landschaft: sattes Grün). Es ist eine überwältigende Szenerie, die allerdings nicht zum Leben einlädt, allenfalls zum Bestaunen. Die Menschen, von denen Heise erzählt, aber leben dort. Für sie sind die Berge, die Almen, der Nebel, die Flüsse ihre ganz normale Umgebung, sie müssen hier sehen, dass diese Welt nicht aus dem Gleichgewicht gerät, deswegen opfern sie vor einer Schlachtung noch ein paar Kleinigkeiten in ein eigens ausgehobenes Erdloch.
Thomas Heise hat mit „Sonnensystem“ die denkbar weitestgehende Abkehr von seinen bisherigen Stoffen vollzogen. Keine deutsche Gegenwart mehr, keine Vergangenheit, die nicht vergeht, sondern ein Sprung in eine fremde Kultur, in der bei Heise kaum gesprochen, nur getan wird. Diese Konfrontation mit einer keineswegs idyllischen, aber tendenziell erhabenen Vormoderne ist filmisch charakterisiert durch eine distanzierte, panoramatische Fotografie, in der die Leute oft ganz klein werden, und sie wird in eine Perspektive gerückt durch die letzte Einstellung, eine lange, großartige Kamerafahrt durch die urbanen Quartiere, die als einzige Alternative (und unausweichlich scheinende) Zukunft für die Leute von Tinkunaku erscheinen muss. „Sonnensystem“ ist ein stiller, mächtiger Film, dessen geistige Heimat irgendwo zwischen Werner Herzogs „Fata Morgana“ und Claudia Llosas „Madeinusa“ liegt.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Thomas Heise

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Sonnensystem“ im Kino in Berlin

Sonnensystem, Deutschland 2011; Regie: Thomas Heise; 100 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 3. November

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