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Im Kino: „Still“

Still

Auf der Alm im Bayerischen Oberland scheint die Zeit stillzustehen. Uschi ist hier seit ein paar Monaten – mit sieben Kälbern, 27 Kühen und Mucke, der Hausziege, die gerne mal für ein paar Tage verloren geht. „Nur Frauen auf der Alm. Weiberwirtschaft“, scherzt Uschi. Für die gelassene Mittzwanzigerin, die schon die halbe Welt von Neuseeland bis Südamerika bereist hat, ist die Alm ein Sehnsuchtsort – und Zuflucht vor den Fragen, die sich im Tal stellen. Vater und Mutter gehen auf die 70 zu und wollen ihren Hof lieber heute als morgen abgeben. Rund zehn Jahre hat Matti Bauer für seine Doku Uschi und ihre Eltern begleitet. Es ist eine Welt im undramatischen Übergang: zwischen den Generationen, aber auch hin zu hybrideren Erwerbsmodellen, in denen die Landwirtschaft zum privaten, nicht weniger anstrengenden Luxus wird.
„Still“
erinnert in diesem Dialog zwischen Landschafts- und Individualgeschichte an die Langzeitbeobachtungen von Volker Koepp oder Raymond Depardon („Profils paysans“). Aber Bauers Film ist doch von Anfang an intimer konstruiert, ganz konzentriert auf Tochter und Elternpaar. Das eigentliche Drama steckt in den Lebensentscheidungen, die der Film aus vorsichtiger Distanz registriert, in Schwarz-Weiß-Bildern, die jeden Kuhstall noch stilistisch adeln und ein wenig aus der Zeit rücken. Die Eltern lassen sich lange kaum in die Karten schauen, ebenso wie die nach dem ersten Almsommer schwangere Uschi, sie bleiben oft vage, wenn es ums wirklich Persönliche geht – um dann plötzlich zwei Sätze zu sagen, die ein paar Filmjahre auf den Kopf stellen. Als der Regisseur fragt: „Würdest du in deinem Leben im Nachhinein etwas anders machen?“, antwortet Mutter Rosi ganz abgeklärt: „Alles. Weil’s mir nicht gefallen hat.“ Der Hof selbst gibt die Frage weiter an ihre Tochter.

Text: Robert Weixlbaumer

Foto: Zorro Film

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Still“ im Kino in Berlin

Still, Deutschland 2013; Regie: Matti Bauer; 80 Min

Kinostart: 19. Juni

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