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Im Kino: „Stille Hochzeit – Zum Teufel mit Stalin!“

Wenn der junge Rumäne Iancu nachsieht, wie hoch beim Nachbarn der Weizen steht, dann findet er zwischen den Ähren die Tochter des Nachbarn. Und weil gerade so schön die Sonne scheint, vergnügen sich die beiden für eine Weile im Feld – beobachtet von der Dorfjugend, denn niemand kann sich in Horatiu Malaeles Film „Stille Hochzeit – Zum Teufel mit Stalin!“ einfach so seines Lebens freuen. Dazu sind die Zeiten 1953 welthistorisch zu schwierig, auch wenn die Bewohner eines kleinen Dorfes im kommunistischen Rumänien alles dafür tun, davon möglichst wenig mitzubekommen. Sie wollen groß reden, saufen, lieben, die Frauen schuften auch noch eine Menge, und über allem thront ein Pfarrer, der so weltlich denkt, wie dieser Film gern sein würde. Eine Feier der kleinen und großen Abson­der­lichkeiten der Menschen steht hier im Mittelpunkt, ein ländliches Idyll, in dem schon im Alltag nichts einfach nur normal ist. Dass eines Tages der Zirkus in die Gegend kommt, ist da nur logisch, dass die Kommunisten irgendwann auf den Ernst der revolutionären Sache dringen, nicht weniger.
„Stille Hochzeit – Zum Teufel mit Stalin!“ beginnt mit einer Rah­menhandlung in der tristen, grauen, nachkommunistischen Gegenwart, umso stärker wirkt der Schnitt in die prallen Farben der alten Zeit. Das geschichtspolitische Manöver, das der Regisseur gemeinsam mit seinem Koautor Adrian Lustig dabei vornimmt, ist aber leicht zu durchschauen: Er setzt einfach eine idealisierte Naturwüchsigkeit, die ganz den Klischees des osteuropäisch-folkloristischen Arthaus-Kinos entnommen ist, gegen die Zumutungen des Kommunismus, der ganz und gar von außen kommt und den traurig-fröhlichen Multikulturalis­mus zum Verstummen bringt. So ordnet sich die rumänische Geschichte des 20. Jahrhunderts nach bewährtem Schema neu: Eigentlich sind die Menschen ja ganz in Ordnung, wenn nur nicht die Ideologien wären, die ihnen das Feiern verleiden. Horatiu Malaele arbeitet mit „Stille Hochzeit“ an einem großen Entlastungsmanöver mit, das hinter dem Kommunismus einen Zustand nationaler Unschuld sucht, den es nie gegeben hat, den das Kino aber wohl­feil heraufbeschwört.

Text: Bert Rebhandl

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Stille Hochzeit – Zum Teufel mit Stalin!“ im Kino in Berlin

Stille Hochzeit – Zum Teufel mit Stalin! (Nunta muta), Rumänien/Luxemburg/Frankreich 2008; Regie: Horatiu Malaele; Darsteller: Meda Andreea Victor (Mara), Alexandru Potocean (Iancu), Valentin Teodosiu (Grigore Aschie); Farbe, 87 Minuten

Kinostart: 26. November

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